Wo lügen deine Augen?

Ich hatte die Umgebung abgeschaltet. Einen Tisch, dachte ich, ich brauche einen Tisch. Ich war es leid, am Boden liegend zu schreiben. Ich wollte an einem Tisch sitzen, wie richtige Schriftsteller es tun. Ich war voll von Plänen, und alle würden scheitern ohne diesen Tisch. Gebt mir einen Tisch!


Ich war froh, als ich diese dumpfe und stickige Atmosphäre hinter mir lassen konnte. Draussen traf ich auf Sibyll. Und sie hatte einen Tisch für mich! Ich wäre ihr am Liebsten um den Hals gefallen, aber dafür waren wir beide viel zu berührungsscheu. Gleichwohl, ich war überglücklich und brachte das durch dankbares Gestammel zum Ausdruck.

Am Nachmittag karrten wir ihn zu mir. Sie brachte noch den Wagen zurück und kam dann wieder her.

Wir probierten jede Position aus. Wir schoben unsere Stühle um den Tisch und tauschten unsere Eindrücke aus. Endlich hatten wir unsere Plätze gefunden. Ich sass am Kopfende, in der Ecke, mit den Fenstern links und hinter mir. Sie war am anderen Ende an der Breitseite.
Der Sonnenuntergang brandete hinein und füllte den Raum mit orangen und roten Tönen. Es war strahlend grelle Dämmerung, alles überscharf, mit klarem Kontrast, und zugleich legte das viele Licht einen pastellenen Schleier über die Dinge.
Sibylls Haar leuchtete kupferblond. Ich hatte ihre Haarfarbe nie verstanden. Je nach Licht konnte es kastanienbraun, golden oder gräulich beige sein. Es schien mit dem Licht zu spielen. Ich musste an die Eisbären denken, deren dichter Pelz das Sonnenlicht bis zur schwarzen Haut hinunter leitet. Sibylls Haar hatte vermutlich die Fähigkeit entwickelt, das Licht einzufangen und es je nach Laune wieder zu spiegeln. Ich blickte zu ihr hinüber und sah, wie jeder Lichtstrahl verwandelt wurde.
Als das rote Feuer versunken war, machte ich uns Tee, legte eine Platte auf  und zündete eine Kerze an. Dann erzählte ich ihr von der Schau, die ich unlängst erlebt hatte. Ich hatte vor mich hin gebrütet, als die Bilder in mir aufstiegen. Vor diesem seltsamen innern Auge, das Farben in der Schwärze sieht, entfaltete sich ein Himmel, in dem Kugeln schwebten. In jeder Blase sass ein Mensch und blickte auf die Kugelwand, an die seine Welt projiziert wurde. Die Menschen sassen da allein und kümmerten sich nicht um einander, sie starrten auf das Geflimmer vor ihren Augen und waren davon absorbiert. Es war ihr eigener Traum, den sie sich ansahen.
„Du träumst also mich.“
„Ich träume dein Gesicht, aber träume ich dich? Ich träume mich. Ich träume das All.“
„Wo lügen deine Augen?“
„Wenn ich dich sehe.“

La planète sauvage (René Laloux & Roland Topor)

Wir beschlossen, ein Bild davon zu malen. Ich holte Stifte und Unterlage. Als ich mich neben ihr stehend zu ihr hinab beugte, waren unsere Köpfe nah bei einander. Ich blickte in ihre Mandelaugen und war glücklich.
Ihre Haare waren nun hellbraun. Sibyll hatte meine Phantasie aufgenommen und entwickelte sie weiter. Ich setzte mich neben sie und wir skizzierten unsere Ideen. Wir sassen eng, unsere Körper lagen aneinander, ich spürte ihre Hüfte, ihren Arm, ihre Schulter. Wir lachten und redeten und mischten unsere Entwürfe. Spielerisch blieben wir aneinander kleben, wenn einer sich wegneigte.
Wir malten auf Holz und mit Farbstiften. Nachdem die Umrisse feststanden, übernahm Sibyll die Feinarbeit. Ich war zu kribbelig und sie hatte eine ruhige, exakte Hand. Bewundernd beobachtete ich ihre gleichmässigen Striche.
Ich setze mich an meinen Platz zurück und legte Block und Füller zurecht.

dein golddurchflimmertes haar
dein golddurchschimmertes haar
strähnen deines flüssigen goldes
wüstensand
silbern, blond, aschen
grau
golden
*
dein goldbraunes haar
einfach golden
golden
erst grau, blond
golden, golden
ganz einfach golden
goldenes feenhaar
goldenes feenhaar

Ich war offensichtlich nicht sonderlich kreativ. Ich legte den Füller wieder hin und schaute Sibyll beim Malen zu. Sie beachtete mich nicht, war über das Brett gebeugt und kolorierte mit sanften Strichen den Kugelflug unserer verlorenen Träumer. Selbst jetzt war jede ihrer Bewegungen von perfekter Eleganz, weich und bestimmt, instinktiv exakt.

Ich klaute eine Geschichte von Dschuang Dsi und erzählte sie als meinen Traum:
„Gestern war ich den Tag durch neben mir. Ich hatte in der Nacht einen intensiven Traum erlebt, war ein Schmetterling, der durch die Sommerluft flatterte. Es war wunderbar, die Sonne strahlte auf meine Flügel, wärmte mich und kleidete mich in ein glänzendes Prachtgewand. Ich spürte die feinsten Regungen der Luft, spielte mit dem Wind und liess mich von der Thermik tragen. Ich hatte das Gefühl, stundenlang so unterwegs gewesen zu sein, wahrscheinlich hatte ich ein ganzes Schmetterlingsleben durchlebt. Als ich dann am folgenden Nachmittag im Park wieder die Sonne auf mir spürte, kam ich ganz durcheinander – war ich nun der Mensch, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder war ich ein Schmetterling, der nun träumte, Mensch zu sein?“
Sibyll hatte mir zugehört, und ohne abzusetzen oder aufzuschauen gab sie zurück: „Was spielt es für eine Rolle? Wir sitzen in unserer Kugel, leben unseren Traum und am Ende platzt die Seifenblase und alles ist vorbei, und keiner erinnert sich mehr daran.“
„Ich weiss. Und doch, noch lebe ich in diesem tödlichen Traum, bin fasziniert von diesem gigantischen Aufwand, den das Universum für das Leben veranstaltet, bin bewegt von meinen eigenen Träumen der Nacht, frage mich, wer es ist, der diese irrwitzigen Geschichten erfindet, die ich träume und lebe.“
Ich goss uns Tee nach. „Fragst du dich das nie? Bei meinen Träumen habe ich das Gefühl, dass hinter dem chaotischen Geschehen ein Plan steckt, als hätte ich mir erst den Traum ausgedacht, um ihn dann zu erleben, wie ein Gerüst für eine Geschichte, die dann beim Schreiben durch spontane Einfälle bereichert wird.“
„Also glaubst du an ein vorherbestimmtes Leben?“
„Kann es überhaupt anders sein? In einem primitiven physikalischen Weltbild ist seit dem Urknall jedes Geschehen determiniert, und was sie als Quantenchaos und Zufall eingeführt haben, ist eh nur ein Euphemismus, um das Scheitern an der Komplexität des Lebens zu bemänteln. Und habe ich dir beim Orakeln nicht auch exakte Vorhersagen geliefert?“
„Nun betreibst du aber Traumdeutung. Wenn du die Widersinnigkeit des Traums mit der Logik des selben Traums erklärst, begehst du einen Zirkelschluss. Ein Traum mag noch so absurd sein, im Moment, wo man ihn träumt, erscheint er doch immer vollkommen und konsistent.“
„So ist es. Aber was willst du? Das ist die Verzweiflungstat des Eingeschlossenen, ich habe ja erst mal nichts anderes als den Traum in meiner Blase. Und dann dieses unbestimmte Gefühl, dass es ein richtiges, freies Leben gibt, dass die Befreiung aus der Simulation möglich ist. Also suche ich nach Indizien, nach Hinweisen, wie man die Blase zum Platzen bringt, ohne zu sterben.“
„Also Vorherbestimmung mit dem Ziel, die Vorbestimmheit zu durchbrechen. Ist das nicht etwas paradox?“ Sie grinste zu mir hinüber.
„Ja, meine Liebe!“ Ich blühte auf. „Das beste Indiz überhaupt, wenn’s paradox wird, aber im Einzelnen alles korrekt ist.“
„Als aufgeklärter Mensch liebe ich die Idee der Freiheit und der Willensentscheidung. Jetzt grad frage ich mich, mit welchem Farbton ich die Aura der Kugeln gestalten soll. Du meinst, das sei müssig, ich kann blind einen Stift nehmen und das wird dann schon der richtige sein?“
„Hast du einmal versucht, den Moment einer Entscheidung in dir zu erwischen? Das geht nicht. Du bist immer entweder noch unentschieden oder hast dich schon entschieden. Den Moment, wo es passiert, kannst du nicht erfassen, und wie soll das eigentlich überhaupt gehen – sich entscheiden? Das ist ein absurdes, rationales Konzept, fern jeder Lebensrealität. Eine schmeichelhafte Erzählung der Ich-Maschine.
Die Gedanken kommen genauso zu uns wie die Geschehnisse der Aussenwelt, alles ist Erscheinung. Wenn du dich mit den Geschichten deines Egos identifizierst, machst du dich doch nur maximal abhängig von den Gegebenheiten des Traums, dem du ausgeliefert bist.
Befreiung aus der Kugel, wäre, um im Bild zu bleiben, wenn du dich mit dem Atemhauch identifizierst, der die Seifenblase geblasen hat.“

Sibyll sah zu mir hinüber und nippte ihren Tee. Lange beobachte ich jeden Lichtstrahl, wie er sich rot färbte an ihren Lippen. Dann beugte sie ihren Kopf und malte weiter.

Die Musik war zu Ende. „Magst du noch etwas Komödie hören?“ Sibyll nickte. Ich holte den Büchner aus den Büchergestell und legte mich auf meine alten Matten am Boden. Ich las ihr Leonce und Lena vor.
Irgendwann war sie wohl zufrieden mit ihren Werk, oder erschöpft, jedenfalls kam sie zu mir hinüber und legte sich ebenfalls hin. Ich fuhr fort:

LENA (spricht vor sich hin): Die Grasmücke hat im Traum gezwitschert. – Die Nacht schläft tiefer, ihre Wange wird bleicher und ihr Atem stiller. Der Mond ist wie ein schlafendes Kind, die goldnen Locken sind ihm im Schlaf über das liebe Gesicht heruntergefallen. – O, sein Schlaf ist Tod. Wie der tote Engel auf seinem dunklen Kissen ruht und die Sterne gleich Kerzen um ihn brennen! Armes Kind! Es ist traurig, tot und so allein.
LEONCE: Steh auf in deinem weissen Kleid und wandle hinter der Leiche durch die Nacht und singe ihr das Sterbelied!
LENA: Wer spricht da?
LEONCE: Ein Traum.
LENA: Träume sind selig.
LEONCE: So träume dich selig und lass mich dein seliger Traum sein.
LENA: Der Tod ist der seligste Traum.
LEONCE: So lass mich dein Todesengel sein! Lass meine Lippen sich gleich seinen Schwingen auf deine Augen senken. (Er küsst sie – und ich küsste geschwind Sibyll). Schöne Leiche, du ruhst so lieblich auf dem Bahrtuch der Nacht, dass die Natur das Leben hasst und sich in den Tod verliebt.
LENA: Nein, lass mich! (Sie springt auf und entfernt sich rasch).
LEONCE: Zu viel! Zu viel! Mein ganzes Sein ist in dem einen Augenblick. Jetzt stirb! Mehr ist unmöglich. Wie frischatmend, schönheitglänzend ringt die Schöpfung sich aus dem Chaos mir entgegen! Die Erde ist eine Schale von dunklem Gold: wie schäumt das Licht in ihr und flutet über den Rand, und hellauf perlen daraus die Sterne. Dieser eine Tropfen Seligkeit macht mich zu einem köstlichen Gefäss. Hinab, heiliger Becher! (Er will sich in den Fluss stürzen).

Eugène Carrière – Schlaf

Es war spät, als ich fertig wurde. Sibyll lag neben mir, die Augen geschlossen. Sie schien mir nun fern, wie nicht mehr ganz anwesend, wie ein Schemen, eine Fata Morgana. Ich berührte sie ganz leicht, um sicher zu sein.
Als ich sie geküsst hatte, war sie überrascht gewesen. Es war nur ein ganz schneller, flüchtiger Kuss gewesen, mehr symbolisch, aber ich hatte sofort das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Sie war zwar nicht davongestürzt wie Lena, aber sie schien sich zurück zu ziehen. Oder besser: aufzulösen. Sie lag da neben mir, ich sah ihren perfekten Körper, spürte ihn sogar, spürte seine Wärme und hörte ihren Atem, und doch war es, als ob sie verging, als würde ihre Gegenwart erlöschen.

Ich stand auf und legte eine letzte Platte auf. Ich holte mir frischen Tee und schaute mir ihr Werk an. Es war fantastisch, selbst die Farben waren, wie ich sie gesehen hatte.
Ich wollte meine Bewunderung zum Ausdruck bringen und fragte hinüber: „Bist du noch wach?“
Sibyll schien schon halb durchsichtig. Ohne den Kopf zu heben oder die Augen zu öffnen murmelte sie zurück: „Wälze Dinge. Wälze, wälze…“

Ich löschte alles Licht ausser den Kerzen und setzte mich an meinen Schreibblock. Nun konnte ich den Text vollenden, den ich am Morgen angefangen hatte. Als ich fertig war, war sie verschwunden.

La planète sauvage (René Laloux & Roland Topor)

1  [morgen]

namen fragend ein wesen vorn. erzählt von exzessen. von bescheidenheit. mein kussschwerer mund schweigt. launig verhängen deine luftwurzeln die zimmer. von den decken fallend. feuchtelnd.

dann sehe ich deine blicke: während orgel dröhnt. hallt. echot nachdem der ton verklingt. dann schaue ich dich an wenn du nicht schaust. versteckt nur. leise. ich meine unter der musik.
rotschwarzes blatt. apfelgeruch. das blatt auf meinem bein an jenem ort. auf blauem stoff. kühl steinkahl die hohen wände. papplige säule. bronzetür. deine blicke füllen den raum. neben mir niemand. und nichts.

farbige ländereien. flusstäler. mineralhorte. nur papieräste an kartonbäumen. aquarellwolken und tuschstädte. salzdome in den lithosphären. taumoränen.

2  [abend]

simultan zu meinem tetraeder bewege ich mich in meinen träumen. olivgrün spielt lächeln um deinen mund.
ein phäakisch eiland glutet. tosend flammen im nächtlichen scheinfeuer. dichtbewaldet im mäandermeer. du blakend scheit.

im dämonenpentagon verlierst du deine blicke. scheue. um macht tränt dein leib. verschenkst ihn unummauert. allein verscheuchst du deren lieder. härmst erdengras. manchmal verschwendest du dein gesicht. in einem gräulichen weinrot bändigt dich dein wissen.

dann umfängt mich sternenmüde. synchron zum gezeitengähnen umarme ich deinen schein. sphärenwärme.

„die welt? – ’n gauklerspiel. ne überdimensionierte comedia dell’arte.“

Hieronimus Bosch – Der Garten der Lüste (Detail, Mitte)

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