Maruschkas Kuss

Passende Musik: Maddy Prior – Changing Winds.
Ich habe leider nur diese drei Songs gefunden:
Maddy Prior – Changing Winds (1978) – To Have and to Hold
Maddy Prior – Changing Winds (1978) – Pitty the Poor Night Porter
Maddy Prior – Changing Winds (1978) – The Sovereign Prince

BarMHertz_post__Maruschkas Kuss__pic_VodnikDer Zwerg spähte durch das Geäst der dichten Hecke. Maruschka, des Königs jüngste Tochter, spielte mit ihren Freundinnen im wilden Teil des königlichen Gartens. Hier kam der Hofgärtner kaum je vorbei, hier wuchsen die Bäume und Büsche, wie sie wollten, das Gras stand hoch und die Blumen dazwischen blühten prächtig.
Maruschka hatte diesen Fleck für sich entdeckt. Oft sass sie da alleine in der Wiese und schaute dem Gras beim Wachsen, den Wolken beim Ziehen oder den Käfern und Insekten bei ihrem geschäftigen Treiben zu. Manchmal kam sie auch mit ihren Freundinnen her, das Schloss war weit und niemand ermahnte sie, wenn sie beim wilden Spiel vergassen, sich wie Prinzessinnen und Hofdamen zu benehmen.
So war es auch an diesem Nachmittag gewesen, als die Mädchen vom Zwerg beobachtet wurden. Er hatte schon früh am Waldrand gewartet, war aufgesprungen, als er die Prinzessin am Horizont auftauchen, und wieder in sich zusammengesunken, als er ihre Freundinnen hinterherkommen sah. Später war er zur Hecke geschlichen, von wo er gut getarnt und geduldig das Treiben der Kinder verfolgt hatte.
Der Abend kündigte sich an, die Sonne stand tief und die Mädchen waren erschöpft vom Herumtoben. Sie setzten sich an den Teich und streckten ihre Füsse ins Wasser, um sie abzukühlen. Sie schnatterten noch eine Weile mit den Enten um die Wette, dann sprangen die ersten auf und machten sich auf den Rückweg zum Schloss. Gerade, als auch Maruschka ihre Füsse aus dem Wasser ziehen wollte, spürte sie ein feines Knabbern an ihrem linken, grossen Zeh. Sie bemerkte einen Molch, der sie umschwamm und an ihr nagte. Nun schaute er zu ihr hinauf. Da musste sie natürlich sitzen bleiben. „Wartet nicht auf mich, ich komme dann nach“, rief sie ihren Freundinnen hinterher und wandte sich wieder dem Molch zu. Der war inzwischen auf ihren Fuss gestiegen und versuchte nun, das Schienbein hinauf zu kraxeln. Maruschka machte es ihm leichter, indem sie ihren Rock heraufzog und das Bein anhob.
Auf ihrem Oberschenkel angekommen, liess sich der Molch atemlos auf seinen Bauch platschen. Maruschka schaute ihm erstaunt zu, wie er sich so selbstverständlich und vertraulich auf ihr niederliess. „Danke, Prinzessin Maruschka, dass du mich empfängst. Ich habe eine Botschaft für dich.“ Nun war sie baff und starrte mit offenem Mund auf das sprechende Tier. Der Molch wartete höflich einen Moment, bevor er nachfragte: „Soll ich die Botschaft vortragen, Prinzessin?“ Maruschka hatte sich gefangen. „Ja, bitte, lieber Molch.“ „Die Botschaft kommt von meinem Freund“, hob der Molch an, „Mein Freund würde dich gerne etwas fragen, hat sich aber nicht getraut, solange deine Freundinnen da waren. Würdest du ihn bitte hier treffen?“ „Nun“, antwortete Maruschka, „ich sollte eigentlich zurück ins Schloss, denn wenn ich zu spät zum Abendessen komme, schimpft mein Vater, der König. Aber wenn es nicht zu lange dauert, dann gerne.“ „Du sollst dich nicht versäumen, Prinzessin, mein Freund wird es dir danken.“ Damit rappelte er sich auf, machte kehrt und rutschte den Unterschenkel hinunter zurück ins Wasser.
Maruschka stand auf und schaute sich um. Eine Weile rührte sich nichts, nur die Schwalben flitzten durch die Luft. Dann bemerkte sie ein feines Knistern von der Hecke her. Ganz allmählich schälte sich der Zwerg daraus hervor. Als er auf sie zukam, erschrak sie ein bisschen. Er war hässlich, aus seinem runzligen, fleckigen Gesicht ragten Warzen und sein Bart war schütter und verwirrt. Ein Buckel beugte seinen Gang, sein Mantel war abgeschabt. Aber wer einen so netten Freund wie den Molch hat, der kann nicht böse sein, beruhigte sich Maruschka, und wie er nun vor ihr stand, war er auch kaum halb so gross wie sie und seine Augen blickten sie freundlich an.
„Guten Tag, liebe Prinzessin, vielen Dank, dass du geblieben bist“, sprach er. Er war sehr verlegen, wusste nicht wohin mit seinen Händen und trippelte nervös von einem Fuss zum andern. „Guten Tag, lieber Zwerg“, antwortete Maruschka, „bist du der Freund des Molches?“ Der Zwerg nickte nur und rieb sich weiter unsicher die Hände. „Nun“, fuhr sie fort, „du wolltest mich etwas fragen?“
„Ach ja, liebe Prinzessin…“, druckste der Zwerg heraus. „Weisst du, heute wird in unserer Ecke des Waldes ein Fest gegeben. Nichts Grosses, nur die Nachbarschaft, die Tiere aus der Umgebung und die alte Lärche natürlich. Da sitzen dann alle herum und schwatzen und lachen und prosten und tanzen, und da wollte ich dich fragen, ob du nicht…“ Der Zwerg stockte. Maruschka sah ihn neugierig an. „Ja, bitte?“ „Ich wollte dich fragen, ob du nicht… womöglich mit mir an das Fest kommen möchtest?“
Nun, wo es draussen war, vergrub der Zwerg seine Hände in den Taschen seines Mantels und blickte zu Boden. Auch Maruschka war verlegen. Dem Zwerg schien an der Einladung zu liegen, und sie wäre auch gern mitgegangen, denn ein Zwergenfest hatte sie noch nie erlebt. Doch wurde sie zum Abendessen auf dem Schloss erwartet und sie wollte den König nicht erzürnen. Das versuchte sie ihm zu erklären. Der Zwerg schaute niedergeschlagen zu ihr auf. „Ach, weisst du, du kannst auch nur kurz bleiben, bei uns vergeht die Zeit eh langsam.“ Und in seinen Bart murmelnd: „Ich hätt halt bloss auch gern mal mit jemandem getanzt.“ Doch Maruschka blieb bei ihrer Absage. Da wandte er sich um und tippelte noch gebeugter als zuvor davon. Als sie ihn schniefen hörte, reute es Maruschka. Man muss allen Wesen im Reich beistehen, dachte sie bei sich, so sagt doch Vater immer. Da wird es schon in Ordnung gehen, wenn ich statt des Abendessens diesen Zwerg begleite, wo er es sich doch so sehr wünscht. Sie lief ihm hinterher. „Warte, lieber Zwerg, ich komme mit an dein Fest.“ Der freute sich sehr, fasste sie bei der Hand und zog sie geschwind zum Wald.
Mit überraschender Flinkheit leitete er Maruschka durch das Unterholz des Waldrandes, sorgsam darauf achtend, dass sie nirgends hängen blieb oder sich den Kopf anstiess. Dabei sprudelte es aus ihm heraus, wie schön das Fest nun werden würde, wie sich alle freuen würden und wie nett sie alle wären. Dann, ganz unvermittelt, fragte er die Prinzessin, ob sie seine Höhle sehen wolle, die wäre nämlich ganz in der Nähe. Maruschka, neugierig und schon etwas ausser Atem, nickte ihm zu, als er sich nach ihr umblickte. Bald darauf blieben sie auf einer kleinen Lichtung stehen. Gegenüber erhob sich eine alte, knorrige Eiche, daneben türmten sich einige Felsen. Dazwischen stand der Zwerg, wies hinter sich und strahlte sie an. Zuerst begriff Maruschka nicht, erst als er unter einer dicken Wurzel verschwand, bemerkte sie den Eingang zur Höhle.
Da Maruschka zu gross für die Zwergenwohnung war, konnte sie sich nur draussen ins Gras legen und durch die Tür in die Wohnung schauen. Der Zwerg machte alle Lampen an, um ihr stolz sein Heim zu präsentieren. Sie blickte in eine geräumige Stube. In der Mitte stand ein grosser Tisch, an einer Seite erkannte sie Ofen und Schüttstein, die anderen Wände waren mit Bücherregalen verstellt. Vor der Feuerstelle stand ein einladender Sessel.
„Du hast es schön hier“, meinte sie, drehte sie sich auf den Rücken und blickte sich um. „Du hast den grünen Wald, die alte Eiche, die moosbewachsenen Steine und deine gemütliche Höhle. Hier ist es viel angenehmer als in unserem Palast.“
Der Zwerg hielt inne und kam zu ihr hinaus. „Ja, ich lebe gern hier mit meinen netten Nachbarn. Es freut mich sehr, dass es dir auch gefällt.“ Er schloss die Tür hinter sich. „Lass uns weitergehen, Prinzessin, es ist nicht mehr weit.“
Er nahm sie wieder bei der Hand und bald schon hörten sie Stimmen und sahen den Widerschein von Flammen am Blattwerk. Sie kamen auf eine Lichtung, wo ein Feuer brannte, um das sich eine Festgesellschaft versammelt hatte. Die Nacht zog schon langsam herauf und an einer mäjestätischen Lärche hingen Lampions, eine Wolke von Glühwürmchen umschwebte alle und dazwischen flatterten kleine Lichtelfen wie leuchtende Schmetterlinge durch die Luft.
Wie die beiden näher kamen, erregten sie die Aufmerksamkeit der anderen. Es gab ein grosses Hallo und Gerede um den Zwerg herum, während Maruschka eher scheu beäugt wurde. Dann stellte sie der Zwerg stolz den anderen Gästen vor: „Dies ist Prinzessin Maruschka. Sie ist heute meine Tanzpartnerin und beehrt Euch mit ihrem Besuch.“ Maruschka war das etwas peinlich. Sie machte einen Knicks und grüsste in die Runde.
Für eine Weile blieb es steif, dann kam die Festlaune zurück und es wurde wieder geschwatzt und gelacht. Maruschka schaute sich um und staunte über die bunte Gesellschaft. Neben ihnen sassen ein paar Zwerge, oft in Paaren, dann gab es noch Kräuter- und Waldelfen, ein paar knorrige Gestalten, die wie lebendes Gehölz aussahen, und einen Wassermann, der feucht und von Algen bewachsen vor sich hin triefte. Dachs und Fuchs waren mit ihrer ganzen Familie erschienen. Zwei Igel tuschelten miteinander. Eichhörnchen und Marder strichen um die Lärche herum und ein paar Frösche quakten laut mit. Durch das Gras streiften Hasel- und Feldmäuse, Vögel zwitscherten vom Boden und aus der Luft. Neben Maruschka lag ein Reh im Gras, mit dem sie ins Gespräch kam, und bald war sie Teil der Runde geworden. Nun nahmen Elfen und Zwerge ihre Instrumente zur Hand und es wurde musiziert und gesungen und bald auch getanzt.
Der Zwerg strahlte. Er reichte ihr höflich die Hand und half ihr auf. Dann legten die beiden los. Maruschka liebte das Tanzen, so fiel es ihr leicht, der fremdartigen Musik zu folgen, und der Zwerg entpuppte sich als eleganter und geschickter Tänzer. Am Ende wirbelten sie wie Derwische ums Feuer.
Als sie sich ausser Atem wieder zu den anderen gesetzt hatten, gab es Lob und Bewunderung. Der Zwerg schaute sie glücklich an. „Vielen Dank, liebe Maruschka, das hatte ich mir so sehr gewünscht und du tanzst wunderbar. Nun musst du aber aufbrechen, es wird langsam spät.“ Er zeigte zum Mond hinauf, der über der Lärche erschienen war. „Danke, lieber Zwerg,“, erwiderte Maruschka, „ich habe es genossen. Du tanzst ebenfalls sehr gut, wie kommt es, dass sich niemand für dich findet?“ „Ach weisst du, weil ich allein lebe, konnten die andern nie sehen, wie gut ich tanzen kann. Aber nun braucht niemand mehr zu fürchten, dass ich ihm auf die Zehen trete. Ich möchte dir zum Dank etwas schenken.“ Er bedeutete ihr, näher zu kommen und Maruschka beugte sich zu ihm hinunter. Der Zwerg gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Mit diesem Kuss erhältst du die Gabe, andere Menschen glücklich zu machen. Wen du küsst, der verspürt Frieden und Liebe in sich und alle seine schlechten Gefühle verschwinden.“
Maruschka verabschiedete sich von allen. Der Zwerg führte sie zum Waldrand zurück, begleitet von ein paar Lichtelfen, den quirligen, nimmermüden Fuchskindern und einigen Mäusen. Sie wäre gern noch länger am Fest geblieben und daher sagte sie zum Abschied: „Wenn du wieder einmal eine Tanzpartnerin suchst, weisst du ja, wo du mich findest.“ Dann machte sie sich rasch auf.
Bald schon hörte sie die Schlosswachen nach ihr rufen. Sie wollte sich aber nicht fassen und vorführen lassen, daher schlich sie sich abseits des Wegs und durch einen Nebeneingang ins Schloss zurück.
Die ganze königliche Familie sass noch im Speisesaal zusammen. Maruschka wunderte sich, ihr war es vorgekommen, als habe sie die halbe Nacht mit der Festgesellschaft im Wald verbracht. Aber der Zwerg hatte ihr ja gesagt, dass die Zeit dort langsamer vergeht. Nun stiess sie mit einem mulmigen Gefühl die Tür auf.
Es gab einen rechten Lärm, als sie bemerkt wurde. Der König stand auf, sein Blick verfinsterte sich und er hob zu einer Ermahnung an. Maruschka rannte auf ihn zu und winkte ihn zu sich herunter. Als sein Gesicht vor ihrem war, drückte sie ihm einen Schmatz auf die Stirn. Dann umarmte sie ihn und sagte: „Ach, lieber Vater, schimpfe nicht mit mir, lass mich dir erzählen, was geschehen ist. Dann wirst du mich verstehen.“ Und tatsächlich, seine Miene hatte sich mit dem Kuss aufgehellt. Nun nahm er sie auf und setzte sich mit ihr auf dem Schoss hin. „So lass hören Tochter, was dir widerfahren ist.“ Maruschka berichtete vom Zwerg und dessen Einladung, wie sie sich für ihn erbarmte und wie sie dann zusammen getanzt und gefeiert hatten. Der König sah es ein und vergab ihr, und sie erzählte noch ausführlich vom Fest, bis sie müde wurde und einschlief.
Die Gabe aber blieb ihr, und sie verwendete sie freigiebig. Wo immer sie einen Menschen traurig oder wütend sah, es mochte im Schloss oder ein Fremder auf der Strasse sein, ging sie zu ihm hin und küsste ihn. So verbreitete sie immer Liebe und Zufriedenheit um sich und führte ein glückliches Leben.

*

Zwerge sind keine grossen Zauberer. Dafür sind sie aber schlaue Trickser. Der Zwerg hatte Maruschka keine Wundergabe verliehen, jeder Kuss, der von Herzen gegeben wird, hat diese Wirkung auf den Beschenkten. Aber er hatte in ihr den Mut erweckt, liebevoll auch auf den zu zugehen, der sie ängstigte oder abschreckte. Und das ist eine grosse und Glück spendende Gabe.

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