Prinzessin Mäusefell

Passende Musik: Marillion – Misplaced Childhood

BarMHertz_post__Prinzessin_Mäusefell__pic__Rackham, Arthur - Allerleirauh

Arthur Rackham – Allerleirauh

In einem alten, fernen Land lebten ein König und eine Königin glücklich miteinander. Die beiden hatten eine Tochter, die zu einem wunderschönen Mädchen heranwuchs. Dem Volk ging es gut und es liebte seine Regenten.
Doch leider wurde eines Tages die Königin krank. Niemand konnte ihr helfen und sie spürte, dass es zu Ende ging. Da rief sie ihren Gatten an ihr Bett und liess ihn versprechen, dass er bald wieder heiraten möge, da das Reich einer Königin bedarf, aber dass diese schöner und vollkommener sein müsste, als sie es je war. Der König, in Sorge um ihr Befinden, gab ihr leichtfertig das Wort, denn er wollte nicht glauben, dass es soweit kommen könnte. Bald darauf aber verstarb die Königin.
Der König konnte sein Leid nicht fassen. Den ganzen Tag weinte und klagte er und beschimpfte das Leben für seine Grausamkeit. Er zog sich in ein dunkles Gemach im Turm zurück und wollte niemanden mehr sehen.  Die Minister suchten seinen Rat, das Volk wünschte sein Urteil, er aber liess sie nicht an sich heran, so dass das Reich langsam verkam. Am schlimmsten aber traf es seine Tochter, denn da sie ihrer Mutter so ähnlich sah, verbannte der verbitterte König sie in einen fernen Flügel des Schlosses, um ihren Anblick nicht länger ertragen zu müssen. Nun sollte das arme Mädchen nicht nur ohne seine Mutter, sondern auch ohne den geliebten Vater auskommen, nur ihre Amme kümmerte sich um sie.
Immerhin konnte sie sich im Schloss recht frei bewegen, solange der Vater sein Gemach nicht verliess. Die Menschen am Hof liebten die Prinzessin sehr, denn sie hatte einen edlen Charakter und ein reines Gemüt. Im Schutz einer Mauer, die des Vaters Sicht hemmte, lag ein Garten, in dem sie verweilen und spielen durfte. Da lebten Tiere, die waren ihr zutraulich, und die Blumen blühten und dufteten prächtiger als sonst.

Zu dieser Zeit war in einem Nachbarreich ein Prinz in sein heiratsfähiges Alter gekommen. Seine Eltern liessen daher einen Erkundungstrupp zusammenstellen, der in den umliegenden Ländern nach einer passenden Prinzessin suchen sollte. Ein Botschafter sollte für den Prinzen werben, ein Minister Erkundigungen einholen und ein Maler ein Portrait der Anwärterinnen anfertigen. Der Prinz, nicht nur von schöner Gestalt, sondern auch schlau, wollte sich nicht auf die anpreisenden Bilder und Worte verlassen und schickte einen Vertrauten, einen Bänkelsänger, heimlich hinter dem Erkundungstrupp her.
Die Gesandtschaft kam auch in das Reich des trauernden Königs. Der, erleichtert beim Gedanken, seine Tochter nicht mehr sehen zu müssen, liess sie gewähren. Ein Bildnis der Prinzessin wurde gemalt und dem fremden Minister wurden ihre Vorzüge ausführlich geschildert.
Als der Werbetrupp wieder zum heimischen Hof zurückgekehrt war, liessen die Eltern den Prinzen kommen, um ihn aus den Portraits seine zukünftige Braut auswählen zu lassen.
Dem Prinzen wurde ein Bild nach dem andern präsentiert und dazu hörte er sich die Werbebotschaften des Ministers an. Das dauerte eine rechte Weile, denn es gab viele Prinzessinnen im Umland. Eingedenk seines Vertrauten liess er sich von den kunstvollen Bildnissen und den gefälligen Beschreibungen nicht hinters Licht führen. Nach dem er sich ein Dutzend Werbungen angeschaut hatte und ihn keine beeindruckt hatte, war es Abend geworden und er bat erschöpft um eine Unterbrechung. Es war aber grad nur noch eine Prinzessin übrig, so liess er sich auch deren Portrait noch zeigen. Er war auf der Stelle hingerissen von dem bezaubernden Mädchen, und die Schilderung des Ministers schien zu schön, um wahr zu sein, aber er liess sich nichts anmerken.
Später am Abend, als er allein in seiner Kammer war, liess er seinen Freund kommen und fragte ihn über die Prinzessinnen aus. Erst liess er ihn von jenen erzählen, die ihm nicht gefallen hatten und hörte heraus, dass ihn sein Gefühl wohl nicht getrogen hatte. Dann kam die letzte an die Reihe. Sein Freund begann zu strahlen, er schilderte die betörende Schönheit des Mädchens, seine Beliebtheit bei allen Menschen, seine Fähigkeiten in Kunst und Poesie und auch seine missliche Lage mit dem verbitterten Vater. Er hatte über sie sogar ein Lied komponiert, weil er so beeindruckt war.
Am nächsten Tag riefen ihn seine Eltern zu sich um zu erfahren, wie er sich entschieden habe. Er teilte ihnen seine Wahl mit, und so wurde eine weitere Gesandtschaft zusammengestellt, um die Werbung um die Prinzessin zu überbringen. Der Prinz gab den Ministern eine Schatulle mit seinen Brautgeschenken mit: Einen Ring mit einer Perle, um seine vollkommene Liebe zu ihr zu bezeugen, eine Kette, gewirkt aus goldenen Fäden wie feinstes blondes Haar, das zu einem Zopf geflochten, um ihr seine unbedingte Treue zu versichern und eine Brosche mit allerlei Edelsteinen, um seine Anerkennung für ihren edlen Charakter auszudrücken.
Als die Botschafter am Nachbarhof eintrafen, wurden sie erst einmal vertröstet, denn der König hatte sich in sein Gelass verkrochen und wollte von nichts und niemandem wissen. Sie liessen das Brautgeschenk an die Prinzessin übergeben und warteten darauf, ihr Anliegen vortragen zu können. Es vergingen Tage, ohne dass der Herrscher sich blicken liess. Die Gesandten wurden ungeduldig und hiessen den Minister des Königs, ihm endlich die Botschaft zu überbringen und drängten ihn in das Gemach des verbitterten Mannes. Der wollte nichts hören, beschimpfte den Minister und liess die Brautwerber vertreiben. So mussten sie unverrichteter Dinge heimkehren.
Als der Prinz davon erfuhr, wurde auch er traurig und wollte niemanden mehr sehen. Er erklärte seinen Eltern, dass er niemals heiraten werde, wenn er nicht die schöne Prinzessin gewinnen könne.

Der trauernde König war inzwischen wieder ansprechbar geworden, und als er von der Werbung um seine Tochter hörte, bereute er sein schroffes Handeln, war aber zu stolz, um seinen Fehler vor den Nachbarn einzugestehen.
Seine Minister drängten ihn nun, sich endlich eine neue Königin zu erwählen, denn dem Reich ging es immer noch schlecht durch seine Vernachlässigung. Sie hatten auch schon alles vorbereitet und präsentierten ihm die Anwärterinnen mit Portraits. Natürlich war dem König keine auch nur annähernd gut genug, keine konnte an die Schönheit und Anmut seiner geliebten Frau heranreichen. Da fiel ihm unter all den prächtigen, farbigen Bildern eine kleine Skizze auf. Er zog sie aus dem Haufen und fragte seine Minister, weshalb sie ihm diese Maid nicht vorgestellt hatten. Die schwiegen verlegen. Da schrie der König sie erbost an. Sie erklärten ihm, dass diese Skizze wohl aus Versehen unter die Bilder gerutscht war, das Mädchen darauf komme nicht in Frage. Der König wurde nur noch wütender, denn obwohl die Zeichnung nur rasch hingekritzelt war, erkannte er die herausragende Schönheit der Portraitierten. Nun erklärten ihm die Minister, dass es sich um seine Tochter handelte. Die Zeichnung war entstanden, als die Werber aus dem Nachbarreich ihr Bildnis angefertigt hatten. In seiner Tobsucht liess der König ihr Argument nicht gelten.
Er liess die Tochter rufen. Froh, den geliebten Vater endlich wieder sehen zu dürfen, kam diese vor den Thron. Dort sass der König, betrachte sie gründlich und erkannte, dass sie zu einer jungen Frau herangewachsen war, schöner als seine Königin es je gewesen war. Völlig von Sinnen dachte er nur an sein Versprechen und seine Verpflichtung gegenüber dem Reich, und er eröffnete seiner Tochter, dass er sie heiraten werde. Der gesamte Hofstaat erschrak in stummem Entsetzen über dieses Vorhaben, und die Prinzessin schaute ihrem Vater entgeistert in die Augen. „Das kannst du nicht wollen“, entgegnete sie ihm, was ihn nur wieder erzürnen liess. „Ich werde dich bestimmt heiraten“, rief er, „lasst alles zügig vorbereiten für die Hochzeit.“ Die Prinzessin sandte einen verzweifelten Blick zum ersten Minister, und der warf ein, dass es wohl einige Tage in Anspruch nehmen würde, um all die Einladungen zu verschicken und das Fest einzurichten. „Macht nur so schnell ihr könnt“, schrie der König und stampfte zum Thronsaal hinaus, zurück in sein dunkles Gelass.
In der Nacht konnte die Prinzessin nicht schlafen. Sie wusste, dass es falsch war, was der Vater von ihr verlangte, aber wie konnte sie sich ihm widersetzen? Als sie sich lange genug im Bett herumgewälzt hatte, stand sie auf und trat auf den Balkon hinaus. Leise sprach sie zu sich: „Ach, ich armes Ding, wie kann mein geliebter Vater nur solch schändlich Tun von mir verlangen? Wie nur kann ich diese Hochzeit verhindern?“ Da hörte sie feine, klare Stimmen von oben: „Kleine Prinzessin, bleibe stark, höre auf dein Herz. Dein Vater liebt dich noch immer, er ist nur verwirrt. Bitte ihn um ein Brautkleid, wie noch keines gesehen, strahlend wie die Sterne am Nachthimmel.“ Die Prinzessin schaute auf und sah die blinkenden, glänzenden Sterne am Himmel. „So soll es sein, ich danke Euch für Euren Rat.“
Am nächsten Morgen liess sie ihren Wunsch dem Vater übermitteln. Sie würde ihn erst heiraten, wenn er ihr ein Hochzeitskleid schenke, das so noch nie gesehen wurde, strahlend wie die Sterne am klaren Nachthimmel. Der war nicht froh über die Verzögerung, aber gab den Auftrag an die besten Schneider des Reichs, das Kleid zu fertigen. Es dauerte eine Woche, dann wurde ihr die prächtigste Robe übergeben, die je gesehen wurde, sie glänzte und blinkte wie die Sterne am Nachthimmel.
In der folgenden Nacht konnte die Prinzessin erneut keinen Schlaf finden, die Aussicht auf die Heirat bekümmerte sie zu sehr. Wieder trat sie auf den Balkon hinaus und klagte leise ihr Leid: „Ach, ich armes Ding, wie kann mein geliebter Vater nur solch schändlich Tun von mir verlangen? Wie nur kann ich diese Hochzeit verhindern?“ Und wieder erklang eine Stimme, freundlich und tief: „Kleine Prinzessin, bleibe stark, höre auf dein Herz. Dein Vater liebt dich noch immer, er ist nur verwirrt. Bitte ihn um ein Brautkleid, wie noch keines gesehen, silbern glänzend wie der Mond, wenn er voll am Nachthimmel steht.“ Die Prinzessin schaute auf und sah den Mond rund und prall am Himmel leuchten. „So soll es sein, ich danke Dir für deinen Rat.“
Am nächsten Morgen liess sie auch diese Bedingung an den Vater übermitteln. Der erzürnte sehr darüber, aber gab den Auftrag an die Schneider weiter. Es dauerte zwei Wochen, dann war das Werk getan. Sie bekam das schönste Kleid, das je gesehen, silbern glänzend wie der volle Mond am Himmel.
Verzweifelt fand die Prinzessin in der folgenden Nacht keinen Schlaf. Sie wälzte sich hin und her und wusste sich nicht zu helfen. Es begann schon zu tagen, als sie auf den Balkon hinaus trat und leise sprach: „Ach, ich armes Ding, wie kann mein geliebter Vater nur solch schändlich Tun von mir verlangen? Wie nur kann ich diese Hochzeit verhindern?“ Vom Horizont her hörte sie eine Stimme wie Donner und doch sanft: „Kleine Prinzessin, bleibe stark, höre auf dein Herz. Dein Vater liebt dich noch immer, er ist nur verwirrt. Bitte ihn um ein Brautkleid, wie noch keines gesehen, warm erleuchtend wie die Sonne zur Dämmerung, strahlend und blendend wie zur Mittagszeit.“ Die Prinzessin schaute auf und sah die Sonne über dem Horizont aufgehen. „So soll es sein, ich danke Dir für deinen Rat.“
Sie liess den Vater ihren Wunsch wissen, und der stampfte wütend auf, doch liess er den Auftrag an die Schneider geben. Drei Wochen dauerte es, bis diese das Kleid geschaffen hatten. Niemand hatte je etwas gleiches gesehen, es strahlte und leuchtete wie die Sonne am Mittagshimmel und wärmte die Seelen, die es sahen.
In dieser Nacht weinte die Prinzessin jämmerlich. Sie wusste nicht weiter, jede Bedingung hatte ihr Vater gemeistert, sie konnte sich seinem Ansinnen wohl nicht mehr entziehen. Da hörte sie um sich herum ein vielstimmiges Fiepen und Piepsen. Sie schaute von ihrem Kissen auf und sah am Boden um das Bett herum eine ganze Mäuseschar. Die kleinen Tiere sahen zu ihr auf und sie hörte, wie der Mäusechor zu ihr sprach: „Kleine Prinzessin, bleibe stark, höre auf dein Herz. Dein Vater liebt dich noch immer, er ist nur verwirrt. Bitte ihn um einen Mantel aus Mäusefell, lang und dicht, damit dein Brautkleid niemanden erblinden lässt.“ „Wie kann ich das tun, ihr lieben Tierchen, ihr sollt nicht leiden und euer Leben hingeben für mich“, erwiderte die Prinzessin. „Sorge dich nicht, kleine Prinzessin, wir geben dir unsern Pelz zu deinem Schutz gerne.“ „So soll es sein, ich danke Euch für Euren Rat.“
Als am nächsten Morgen der König von diesem Wunsch erfuhr, schrie er zornig: „Genug! Dies ist die letzte Bedingung, und macht geschwind!“ Überall im Schloss und im ganzen Reich wurden nun Mäuse gefangen, das ging ganz leicht. Die Kürschner arbeiteten flink wie nie, und schon nach vier Tagen war der Mantel genäht.
In dieser Nacht packte die Prinzessin ihre drei Brautkleider in die Schatulle mit den Geschenken des Prinzen, warf sich den Mäusefellmantel über und schlich zum Schloss hinaus. Sie lief so schnell sie konnte und als der Tag begann, versteckte sie sich in einem hohlen Baum und schlief erschöpft ein.

Mercer Mayer - Allerleirauh

Mercer Mayer – Allerleirau

Als sie erwachte war wildes Stimmengewirr um sie herum. Sie blickte in die Gesichter einer Jagdgesellschaft, die ein vermeintliches Tier in seinem Versteck erlegen wollte. Als sie merkten, dass unter dem grauen Pelz ein Mensch versteckt war, liessen sie enttäuscht ab und wollten sich abwenden. Ein junger Mann unter ihnen aber sprach: „Nehmt die Arme mit an den Hof und gebt ihr eine Kammer.“ So luden sie das dreckige Mädchen zu ihrer Jagdbeute auf den Wagen und fuhren mit ihr zu einem prächtigen Schloss. Dort bekam sie eine Schlafstatt unter einer Treppe zugewiesen und durfte fortan in der Küche die Asche zusammenwischen und andere niedere Arbeiten erledigen.
So ging es eine Weile. Niemand erkannte die Prinzessin unter ihrem Mäusemantel, keiner sah ihre Schönheit hinter dem dreckigen Gesicht. Ihre Schatulle hatte sie im Stroh ihres Bettes versteckt. Mäusefell, wie sie nun von allen genannt wurde, verrichte ihre Arbeit und war freundlich mit allen Bediensteten am Hof, auch wenn sie oft verachtet und gehänselt wurde. Manchmal träumte sie des nachts von ihrem früheren Leben als Prinzessin. Sie erfuhr, dass der junge Mann, der sie gerettet hatte, der Prinz am Hofe war, der unglücklich verliebt war und niemals heiraten wollte, nachdem seine Werbung schnöde abgelehnt worden war von dem irren König, der seine eigene Tochter heiraten wollte. Von ihm, ihrem Bräutigam, träumte sie manchmal auch.
Eines Tages wurde im Schloss ein grosses Fest ausgerichtet, es war der Geburtstag des Prinzen. Nachdem sie den ganzen Tag hart gearbeitet hatte und es in der Küche eine Pause gab, bat Mäusefell den Koch um Erlaubnis, zum Festsaal hinaufzuschleichen und mit den anderen Bediensteten heimlich durch den Türschlitz das Fest zu bestaunen. Er liess es zu, sie sollte jedoch bald wieder zurück sein, um die letzten Arbeiten zu erledigen.
Die Prinzessin ging aber zu ihrem Strohlager. Sie wusch sich das Gesicht, nahm die Schatulle hervor und zog ihr Sternenkleid an. Sie stieg die Vordertreppe, die für die Gäste gedacht war, hinauf und mischte sich unter das Festpublikum. Mit ihrem prächtigen Kleid fiel sie jedermann auf, auch dem Prinzen, der bisher uninteressiert die Feier über sich hatte ergehen lassen. Er fühlte sich von ihr betört und forderte sie zum Tanz auf. Die übrige Festgesellschaft bewunderte die beiden, während sie elegant umeinander kreisten. Als der Tanz vorüber war, entzog sich die Prinzessin geschickt und verschwand geschwind.
Sie rannte zurück zu ihrem Lager, zog das Kleid aus, warf den Mäusemantel über und ging in die Küche, wo der Koch schon auf sie wartete. Auch er wollte nun einen Blick auf die Feier werfen, aber es sollte noch eine Brotsuppe zubereitet werden, um den Gästen nach all den Getränken noch etwas warmes in den Bauch zu geben, und die anderen Bediensteten drückten sich, weil sie hofften, einen Blick auf die geheimnisvolle Schönheit zu erhaschen, die den Prinzen zu einem Tanz verführt hatte. Der Koch ermahnte sie, sauber zu arbeiten, es könnte seinen Kopf kosten, wenn die Herrschaften nicht zufrieden wären.
Mäusefell rüstete die Zutaten, tat sie in den Topf und rührte mit viel Liebe und Sorgfalt. Als es soweit war, schöpfte sie die Suppe in die Schalen. In die Schale des Prinzen aber legte sie die Brosche, die sie von ihm geschenkt bekommen hatte, und bedeckte sie mit der Brühe.
Als der Prinz seine Suppe auslöffelte, fand er die Brosche und erkannte sie wieder. Er liess sich nichts anmerken, aber seine Ahnung, dass die anmutige Tänzerin die Braut war, die er sich erwählt hatte, wurde ihm gewiss.
Am nächsten Morgen liess er den Koch rufen. Ängstlich trat der vor seinen Herrn. „Hast du gestern alles eigenhändig gekocht?“ fragte ihn der Prinz. „Natürlich, mein Herr“. „Auch die Brotsuppe am Ende?“ Der Koch zitterte, nun war es um ihn geschehen, würde er lügen, käme es sicher heraus, und die Wahrheit, dass die niedrigste Angestellte am Hof die Suppe gekocht hatte, wäre eine Beleidigung für die adlige Gesellschaft. Er schwieg. Der Prinz herrschte ihn an, da brach es aus ihm heraus: „Mäusefell war es, mein Herr, sie hat die Brotsuppe zubereitet, vergebt mir.“ Mäusefell wurde gerufen. Der Prinz musterte sie gründlich, aber unter ihrer Kapuze, mit all der Asche im Gesicht, erkannte er sie nicht. „Hast du meine Suppe gestern gekocht?“ Der Koch stiess sie an und Mäusefell nickte. „Sie hat mir sehr geschmeckt. Hast du etwas besonderes hineingetan?“ Mäusefell schüttelte den Kopf, dann rannte sie rasch hinaus und versteckte sich unter der Treppe bei ihrem Strohlager.
Bald ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Mäusefell wischte in der Küche den Boden sauber und der Prinz verfiel wieder in sein dumpfes Brüten.
Da stand sein Namenstag an und es wurde wieder ein grosses Fest ausgerichtet. Dem Prinzen war es lästige Pflicht, während das Publikum feierte und tanzte.
Als in der Küche soweit alles erledigt war, fragte Mäusefell, ob sie auch wie alle anderen Bediensteten einen Blick in den Festsaal werfen dürfe. Der Koch erlaubte es ihr und ermahnte sie, bald zurückzukommen. Mäusefell rannte zu ihrem Strohlager, wusch sich und zog das Mondkleid an. So mischte sie sich unter die Gesellschaft und zog bewundernde Blicke auf sich. Auch der Prinz erwachte gleich und bat sie um einen Tanz. Dieses Mal war er sich schon recht sicher, das dieses wunderschöne Mädchen die Prinzessin auf dem Bild war, in das er sich verliebt hatte, aber er kam nicht dazu, sie zu fragen, denn kaum war der Tanz vorüber, rannte sie weg und verschwand im Getümmel.
Zurück in der Küche, wieder unter dem Mäusemantel versteckt, hiess der Koch sie die Brotsuppe zuzubereiten, während er selbst einen Blick auf die Pracht der Feier erhaschen wollte. Mäusefell kochte mit Liebe ihre besondere Suppe und in die Schale des Prinzen legte sie die Kette, die sie von ihm bekommen hatte, bevor sie sie auffüllte.
Nach dem Tanz war der Prinz schon gespannt, ob er wieder etwas finden würde in seiner Suppe. Er liess sich aber wieder nichts anmerken. Am nächsten Morgen jedoch rief er den Koch und dann Mäusefell zu sich. Das Gespräch lief gleich ab wie zuvor, der Koch behauptete erst, alles selbst zubereitet zu haben, dann musste er eingestehen, dass Mäusefell die Suppe gekocht hatte, und diese gab es wieder nur mit einem Nicken zu. Als er sie nach der besonderen Zutat fragte, schüttelte sie den Kopf und rannte weg.
Zurück in der Küche schalt der Koch sie aus wegen ihrem ungehörigen Benehmen. Mäusefell sagte nichts, tat nur ihre Arbeit.
Einige Zeit später begannen die Bediensteten untereinander zu flüstern. Bald drang es auch zu Mäusefell durch: Es sollte ein grosser Ball ausgerichtet werden, mit allen Prinzessinnen aus den Nachbarreichen, denn der Prinz sollte sich nun endlich vermählen, ob er wollte oder nicht.
Der Tag kam, in der Küche wurde fleissig gerüstet und gekocht, und am Ende durfte auch Mäusefell wieder für kurz hinaufschleichen. Sie aber ging zu ihrem Lager, wusch sich und zog das Sonnenkleid an, an den Finger steckte sie sich den Perlring des Prinzen.
Als sie den Ballsaal betrat, leuchtete ihr Kleid heller als alle Kerzen und Lampen im Raum. Die hohe Gesellschaft von Edelleuten und Prinzessinnen trat zur Seite und raunte sich ihre Bewunderung zu, während der Prinz sofort aufsprang, sie bei der Hand nahm und mit ihr tanzte. Er wollte sie nicht mehr loslassen, doch nach dem dritten Tanz entwand sie sich ihm und verschwand, ohne dass jemand sehen konnte, wohin.
Sie rannte rasch zu ihrem Lager, zog sich um, schwärzte ihr Gesicht und ging in die Küche. Wieder sollte sie die Brotsuppe zubereiten. Sie tat es mit viel Liebe, nahm zuletzt den Ring von ihrem Finger ab, legte ihn in die Schale des Prinzen und bedeckte ihn mit der Suppe.
Der Prinz löffelte seine Suppe vorsichtig aus, denn er ahnte ja schon, was ihn erwartete. Sein Herz zersprang fast vor Freude, als er auf den Ring stiess, zugleich aber war er auch bekümmert. Wo nur versteckte sich seine Braut, weshalb erschien sie immer nur kurz und verschwand dann wieder? Seinen Eltern aber teilte er an diesem Abend noch mit, dass er sich entschieden habe, wen er heiraten werde, doch er würde es erst am nächsten Morgen verkünden.
Dieses Mal liess er nur noch Mäusefell zu sich kommen. Der Koch tat ihm leid, der Arme verstand ja nicht, was vor sich ging und hatte sich immer jämmerlich gefürchtet. Mäusefell war schweigsam wie zuvor. Sie nickte auf die Frage, ob sie die Suppe gekocht hatte und schüttelte den Kopf, als er nach der besonderen Zutat fragte. Wie sie hinausstürmen wollte, liess er sie aber nicht entkommen, er packte sie bei der Hand und hielt sie fest. Und wie er so auf ihre Hand blickte, fiel ihm der Abdruck des Rings an ihrem Finger auf. Mäusefell hatte nämlich vergessen, diese Stelle zu schwärzen, nachdem sie ihn abgezogen hatte. Da sagte der Prinz ihr ins Gesicht, dass sie seine Braut sei und schon immer gewesen war und bat sie, sich endlich zu erkennen zu geben. Da versteckte sich Mäusefell nicht länger, sie zog ihr Brautgewand an und die beiden feierten eine rauschende Hochzeit. Auch ihren Vater luden sie ein, und als der das glückliche Paar sah, fiel sein Irrsinn von ihm ab und er erwählte sich unter den Gästen eine schöne Prinzessin, die er an seinen Hof heimführte.

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Zu Ehren der Mäuse: Poesie & Musik – Kleine Ballade von dem Mäuslein, das in Villons Zelle Junge bekam

 

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