Liebesangst

Beitragsreihe: Hausmaler Henri
Passende Musik: Joachim Witt – Goldener Reiter

BarMHertz_post__Hausmaler Henri__pic2_Toulouse-Lautrec, Henri de - Carmen Gaudin, Rosa la Rouge (Montrouge, 1886-87)

Henri de Toulouse-Lautrec – Rosa la Rouge (Montrouge, 1886-87)

Ich stand im Hof und schaute durch die Fenster auf meine Gäste. Ich versuchte sie zu lieben, gab mich hin, und für einen winzigen Moment spürte ich, wie mein Sein angehoben wurde, dann kam wieder die Angst. Es war wie der Schreck, wenn man beim Eindösen das Gefühl bekommt, zu fallen, oder im Traum aus dem Flugzeug gestossen wird – völlig unsinnig, weil man im Traum ja fliegen kann.
Ich zuckte zusammen. Der innere Krampf tat schon fast weh. Was sollte das nur? Weshalb hatte ich Angst vor diesem erhebenden Erlebnis?
Vor einigen Tagen schon war ich so im Hof gestanden. Ich hatte mir Gedanken gemacht über meinen Anspruch, meine Arbeit mit der Perfektion eines Zenmönchs, der den Klosterhof fegt, zu erledigen, und hatte dabei auch an den Wunsch nach totaler Liebe gedacht. In Erinnerung an meine erste Begegnung mit den leuchtenden Körpern dachte ich also liebevoll über meine Gäste nach, während ich sie durchs Fenster betrachtete. Für die Dauer eines Blinzelns sah ich sie aufleuchten, dann kam der Krampf, die Angst.
Ich war komplett irritiert. Ich hatte mich soeben von einem unendlich beglückenden Gefühl abgeschnitten. Was sollte daran bedrohlich sein? Ich tat es ab als ein weiterer Akt von Selbstsabotage und ging wieder in die Bar.
Losgelassen hatte mich das Erlebnis aber nicht mehr, und nun stand ich wieder da, widersinnig erschreckt, genervt.
Und natürlich kroch auch gleich wieder die Verzweiflung heran und zog. Selbsthass anstelle von Liebe für alle war mir aber auch zu blöd, ich beschloss, mich auf die einfachen Handgriffe der Arbeit zu konzentrieren, um nicht hängen zu bleiben.
Aber neben dem fast dauernd anwesenden, ambivalenten Gefühl, dass mich nur ein hauchdünner Schleier mehr vom Reichtum des Lebens trennt, nagt nun auch diese übermächtige, absurde Angst an mir. Sie beschäftigt mich, weil sie so unerwartet ist, weil sie mir so unsinnig vorkommt.

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