Helldumpf

Beitragsreihe: Hausmaler Henri
Passende Musik: Anne Clark – Our Darkness

BarMHertz_post__Hausmaler Henri__pic1_Toulouse-Lautrec, Henri de - Carmen Gaudin, La Blanchisseuse (1884-89)

Henri de Toulouse-Lautrec – La Blanchisseuse (1884-89)

Das Morgenlicht drang weiss und scharf durch die Fenster. Der Himmel war leicht bewölkt, grad so, dass das Licht gestreut und räumlich wurde, aber noch nicht diffus. Ich rieb die Tische sauber als Teil meiner Morgenroutine, war aber nicht wirklich bei der Sache. Ich hatte genug Zeit, um die Bar gemütlich einzurichten, und liess meine Gedanken streifen.
Soweit da überhaupt Gedanken waren. Seit Wochen schon hatte mich diese totale Dumpfheit im Griff. Mein Schädelrund erschien mir hell und leer, wie die Luft vor dem Fenster. Ich war abwesend. Keine Überlegung, kein Gefühl. Oder das Gefühl von abgestandenem Überdruss, wenn sich doch etwas regte. Ich erlebte mich als Automat, der scheinbar agierte, und war nur angewidert von den vorhersehbaren Reaktionen meines Gehirns.
Gestern Abend gab es einen kurzen Ausreisser aus dieser faden Dumpfheit. Ich hatte mir zum Feierabend ein Bad gegönnt, und während ich mich vom warmen Wasser aufweichen liess, hatte ich einen Moment von kristallklarer Selbstschau, einen Augenblick von eiskalter Objektivität gegenüber mir selbst. Dann musste ich herzhaft lachen. Zum einen natürlich aus purem Zynismus, daneben aber auch über den ebenfalls vorhersehbaren Persönlichkeitswechsel.
Ach, ich bin dieses ohnmächtige Spiel leid. Ich hätte gern eine feste Planke unter meinen Füssen, aber alles zerfällt. Und ich kann einfach gar nichts mehr ernst nehmen. Inzwischen verstehe ich den Weg dahin. Es begann mit der Einsicht, dass Einheit mit dem Kosmos Erschaffung des Lebens bedeutet, diesem absolut fantastischen Erlebnis der wahnwitzigen Energie, die aus mir heraus bricht und das All befeuert. Dann wandelte es sich in einen graduellen Auflösungsprozess. Zuerst verschwand der Denker, dann der Meister, zuletzt der Handelnde. Nur leere Hülle, Schein, Täuschung, perverses Spiel Brahmas.
Natürlich bin ich immer noch, aber ich spüre mich nicht. Irgendwo verschreckt in einer Ecke des Niemandslandes kauernd. Absolut ohnmächtig meine autonome Hülle beobachtend, mal gelangweilt, mal verzweifelt, aber immer noch verbunden mit ihr.
Ok, ich denke ich verstehe diese beiden Seiten meines Seins – ich bin das kosmische Leben und ich bin nichts, aber gefühlt fehlt da einfach der Standpunkt, eine Mitte, ein pragmatischer Grauwert. Immerhin zeigt die Erscheinungswelt eine Abstufung zwischen eigenem Körper und Anderen. Und das Nichts gibt es eh nicht. Aber ich bin darin verloren gegangen.

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Eine Antwort zu Helldumpf

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