Du kommst nicht 1 & 2

In der Bar haben wir unseren eigenen Poeten. Der junge Mann hat sich eines Tages und ohne meine Erlaubnis in einer Dachkammer einquartiert, die er seither im Stile Spitzwegs bewohnt. Seine Tage verbringt er in der Kammer oder mit Spaziergängen, an den Abenden führt er leidenschaftliche Gespräche mit unseren Gästen. Von Zeit zu Zeit trägt er uns in der Bar seine neuesten Kreationen vor.
Ich lasse mich gern auf seine Lesungen ein, in ihrer unbeholfenen Art sind seine Texte reich und tief. Sie kommen auch bei unseren Gästen an, seine Vorträge sind Kult und manchmal ist der Dichter sogar zufrieden mit den Kommentaren, die er bekommt.
Unlängst überraschte mich unser Poet mit einem Gedicht, das wie eine Variation eines eigenen, kürzlichen entstandenen Textes klang. Wir haben unsere Werke dann verglichen und besprochen und haben uns noch lange über die unverstandenen Wege der Inspiration und das geheimnisvolle Wirken der Musen unterhalten.
Es ist schon verblüffend (oder bestürzend?), mehr als dreissig Jahre liegen zwischen uns, und doch finden unsere Sehnsüchte die gleichen Worte und Bilder.

Carl Spitzweg - Der arme Poet

Carl Spitzweg – Der arme Poet

du kommst nicht. nein, du kommst nicht. ich sitze da und warte fast nicht mehr.
das ununterbrochene pfeifen der vögel. das andauernde rauschen des windes im gras. die stetige helligkeit des lichts.
kummer nagt in meinem gehirn, hunger schwächt mich. die launen meines herzens sind ruhig.
immer kommst du nicht. nächtelang träume ich von dir, alle meine schwebenden erlebnisse teile ich mit dir. in gedanken streichle ich dich, schon spüre ich dein haar.
die gleichmässigkeit des grünen und summsenden lebens bedroht mich. immer deine abwesenheit. ungestillte bedürftigkeit.
(1011)

Carl Spitzweg - Aschermittwoch

Carl Spitzweg – Aschermittwoch

Du kommst nicht. Ich höre dich nicht. Nein, ich spüre dich nicht, weiss nichts von dir.
Weiss nur, dass du hier sein solltest, deinen Leib an meinen pressend, unser Sein teilend.
Aber immer kommst du nicht. Kein Rufen, kein sanftes, verführerisches Hauchen, schon gar keine Berührung von dir. Wie ich mich sehne nach deiner Wärme. Meine hornige Haut schuppt, weil sie dein Streicheln entbehrt.
Dann wieder beschleicht mich eine Ahnung, wie du deinen Leib um mich schlingst, so eng es nur geht, vielleicht sogar nach mir schreist, aber mich einfach nicht erreichst, weil meine schuppige Haut zum Panzer verhornt ist.
Hörst du mich? Kannst du die Verzweiflung in meinen Augen lesen? Was sollen wir nur tun? Es ist unausweichlich, dass wir zusammen finden, ich kann ohne dich nicht leben und nicht sterben.

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