Nathalie – leuchtende Begegnung

Passende Musik:
PFM – The World Became The World

BarMHertz_post__Nathalie_-_leuchtende_Begegnung__pic1_LichtgestaltIch sog lang am Joint, zog den Rauch tief hinunter und liess ihm Zeit, sich in den Lungen abzusetzen. Das Haschisch entfaltete sich langsam. Während ich den nächsten Zug nahm, spürte ich, wie die Welle sich von der Brust aus in Kopf und Körper ausbreitete, erst wie eine sanfte Tide, dann immer stärker, bis der Druck eines wohligen Tsunamis das Sein aus dem Leib in die Unendlichkeit hinaus schleuderte. Von einem Punkt meilenweit hinter meinen Augen aus sah ich zu, wie mein Körper in einem purem Automatismus den Joint weiterreichte.

Nachdem wir alle geraucht hatten, war die Runde still geworden. Wir sahen uns an und verfielen in ein kennerhaftes, zufriedenes Grinsen. Dann liessen wir uns treiben. Ich liess die Nacht mich umfangen, liess den Wind meine Haut entlang streichen, schloss die Augen und folgte der Musik, die aus der Bar hinter uns erklang.

Eine ganze Weile lang hatte ich mich so von den Melodien durch die laue Nachtluft wehen lassen, nun blickte ich zu den Sternen auf und liess mich von ihrem Strahlen in meinen Körper zurück tragen. Meine Freunde waren längst wieder im Trubel der Bar verschwunden und ich beschloss, mich ebenfalls wieder unter die Leute zu mischen.
In der Bar war das Konzert noch im vollen Gange. Ich drängelte mich zur Theke durch, holte mir ein Bier und verdrückte mich an die Hinterwand. Auf den Auftritt von
Grobschnitt mit Solar Music hatte ich mich eigentlich gefreut, M.Hertz hatte einmal mehr das Kunststück geschafft und uns ein Erlebnis aus alten Zeiten auf die Bühne gezaubert. Aber ich war heute einfach nicht in der Laune für dröhnende Massen.
Unsere Gäste allerdings schienen sich wohl zu fühlen. Ich liess meinen Blick über die Menge schweifen und versuchte, mich wenigstens etwas von ihrer Begeisterung anstecken zu lassen. Die Besucherschar war bunt durchmischt, vom silberhaarigen Althippie über den gutbürgerlichen Nostalgiker bis zum aufgedrehten Jugendlichen war alles da.
Kurz fiel mir ein Leuchten zwischen den Leuten auf, das aber rasch wieder verdeckt wurde. Später sah ich es wieder, es war eine strahlende Gestalt, die sich durch die Besucher bewegte. Den Leuten schien sie nicht weiter aufzufallen, aber mich nahm ihr helles Licht gleich gefangen. Ich bemühte mich, sie im Blick zu behalten, sie noch besser zu sehen. Hatten wir etwa ein Naturwesen zu Besuch?
Meine Neugier war jedenfalls geweckt und ich liess mich vom Treiben nicht mehr weiter bedrängen, sondern verfolgte das leuchtende Wesen mit meinen Augen so gut es ging im Getümmel. An meinen Gefühlen erkannte ich, dass es sich tatsächlich um eine Lichtelfe handeln musste, ich war überwältigt, diese Wesen sind selten genug, und hier und jetzt kam das völlig unerwartet.
Nachdem sie die Bar erkundet hatte, lehnte sie sich an eine Wand. Unsere Blicke kreuzten sich einen Moment, aber ich getraute mich nicht, sie länger anzusehen und wandte mich wieder der Bühne zu. Das wiederholte sich ein paar Mal, auch sie schien sich zu scheuen, aber dann sahen wir uns direkt an und liessen unseren Blick stehen. Minutenlang schauten wir uns an, ruhig, neugierig.
Manchmal verdeckten Menschen die Sicht, dann löste sich die Verbindung, kurz drang das Treiben an uns heran, aber bald hatten wir den Kontakt wieder hergestellt. Ich versuchte den Mut zu finden, zu ihr hin zu gehen und sie anzusprechen, aber mit meiner flauen Stimmung gelang mir das nicht.
Dann war sie plötzlich verschwunden. Ich suchte den ganzen Raum ab, konnte sie aber nirgends mehr entdecken. Immerhin, ich war von einem glücklichen Gefühl erfüllt, eine solche Begegnung hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich blieb noch eine Weile an meinem Platz und konnte nun die gute Stimmung unserer Besucher etwas besser mitfühlen. Aber die Rolle als ewig aussenstehender Beobachter ödete mich an, nun war die Lust auf Nähe geweckt. Ich beschloss, wieder nach draussen zu gehen, um wenigstens die Klarheit der Nacht zu geniessen. Ich holte mir bei meinem Freund einen weiteren Joint und verdrückte mich Richtung Ausgang. An der Tür vernahm ich eine Stimme an meinem Ohr: „Darf ich mitrauchen?“ Es war meine Lichtelfe! Ich nickte natürlich und wir gingen hinaus und suchten uns einen gemütlichen Platz auf der Wiese hinter der Bar. Ich war noch immer schüchtern und so sprachen wir lange nichts während wir rauchten, wir lagen im Gras und genossen Ruhe und Rausch. Ihr Leuchten war dunkler geworden, es war nun wie ein Glimmen, das tief aus ihrem Innern drang.
Ich erzählte ihr, wie ich vorher dagelegen und schwerelos durch die Luft getanzt war. Mir fielen die Zeilen ein, die ich als Jugendlicher geschrieben hatte, als ich entdeckt hatte, wie ich zur Musik meinen Körper verlassen konnte.

farben
wurden zu nichts
und nie gesehene
traten an die stelle der alten
ich
tanzte
zum punkt reduziert
zur musik
als musik selbst
im lichtstrahl
über dem see
mit schwarzem wasser
im dunkel
hinaufsteigend
in die sonne

Sie verstand mich sofort. „Manchmal ist die Schwere des Leibs lästig und ein Gefängnis. So entkörperlicht spürt man, wie das Leben leicht und frei sein könnte. Weshalb nur sind wir trotzdem die meiste Zeit mit unserem Sein an den Körper gebunden?“
Es gab keine Antwort auf diese Frage, deshalb schwiegen wir eine Weile und schauten der Sternschnuppe zu, die über den Himmel zog. Dann nahm ich den Faden wieder auf.
„Ich vermute, es hat irgendetwas mit Bewusstwerdung zu tun, mit dem Erleben des eigenen Seins. Nachts, in der Bewusstlosigkeit des Schlafs, lösen wir uns ja mit Leichtigkeit und spinnen uns ein Leben in der Gedankenwelt. Aber es ist schwierig, dabei über das reine Erleben und Wahrnehmen herauszukommen und die Freiheit des Schöpfers auszuleben. Man ist getrieben und ausgeliefert. Woher kommen die Geschichten, die man träumt?“
Es war wunderbar, auch diese Überlegung verstand sie auf Anhieb. „Und dieser scheinbare, zähe Widerstand der gemeinsamen Welt fordert einen auf, sich mit den Andern zu verbinden, zu lieben, statt sich in einem solipsistischen Universum zu ergehen.“
„Genau. Wenn wir von der Drei-Stufen-Theorie ausgehen – Idylle, Chaos, Bewusstheit – dann ist die Existenz vor der Geburt zwar vollkommen, aber bewusstlos, so dass wir uns auch nicht erinnern können. Offenbar bietet erst das Leben in der Welt die Chance, sich zu entwickeln und befreien, wie bei Pink oder Truman, und so das unendliche Sein in Einheit mit dem Kosmos zu erfahren.“

Nathalie war schlau genug gewesen, ihr Bier mit hinaus zu nehmen. Sie nahm einen Schluck und reichte mir die Flasche. Wir lagen da, ganz nah aneinander, und ich spürte ihr inneres Glühen. So genoss ich meine Körperlichkeit.
„Die Pein des Lebens ist nicht gegeben. Es ist die Menschenwelt, die so schrecklich ist. Diese bodenlose Begriffsstutzigkeit, die Ignoranz, die Obsession für das Irre und Unnötige. Sie sind so einsam und verloren.“
„Ich fühle mich fremd unter ihnen. Sie sind immer so weit weg, jeder hinter seiner eingebildeten Mauer. Verbissen bekämpfen sie einander, neiden sich und gieren nach irgendetwas völlig Nutzlosem. Ich denke, das Beste ist, alles zu meiden, was sie beschäftigt.“
„Du bist vorhin als leuchtendes Wesen an ihnen vorbeigezogen und keiner hat es bemerkt. Manchmal streichle ich sie mit meinen Nabelschnüren. Natürlich spüren sie etwas, aber sie verstehen nicht, was mit ihnen geschieht. Dann bedaure ich sie, sie haben panische Angst vor Nähe und Verbundenheit, sie verwehren sich diesem wunderbaren Gefühl der Auflösung und des Einsseins.“
Wir schimpften noch eine Weile weiter über die anderen und leerten das Bier. Die Widersprüchlichkeit des Moments passte perfekt zu meiner Laune. Es tat gut, ihre Nähe zu fühlen und unsere Übereinstimmung zu erleben. Ich legte meinen Arm unter ihren Kopf und erweiterte meinen Leib mit Ihrem.
Ich wollte mich lösen von den schlechten Gedanken, aber es gelang mir nicht recht. „Es gibt Tage… und Monde. Wenn wir uns wieder einmal treffen, lese ich dir Hermann Hesses Märchen ‚Merkwürdige Nachricht von einem anderen Stern‘ vor. Du wirst dich wiedererkennen.“
„Gern. Aber ich bin auf der Walz, ich weiss nicht, wann und ob ich wieder hier durchkomme.“
So hatte ich es geahnt, und es tat weh. Wir sahen uns wieder an, lang, wie zuvor in der Bar. Dann küssten wir uns, umschlangen uns fest und heftig, pressten die Lippen aufeinander, bis es schmerzte.

Ich blieb liegen, nachdem Nathalie gegangen war, und liess mir vom Nachtwind die Hitze aus dem Körper blasen. Ich spürte den Stellen nach, wo sie mich gestreichelt hatte und genoss meine wunden Lippen. Ich bat die Sterne um Trost.

Nach und nach kehrte ich in die Welt zurück und bemerkte die Gäste, die sich auf der Wiese tummelten. Auch meine Freunde waren wieder da und rauchten. Ich stand auf und machte mich zur Bar auf. Im Vorbeigehen nahm ich einen tiefen Zug vom Joint, dann warf ich mich ins Getümmel. Erst zu spät bemerkte ich, dass mein Körper nun nicht mehr mochte. Ich sollte liegen, flach und ruhig, aber dafür war hier weder Platz noch Stille, und der Weg nach draussen war plötzlich viel zu weit. Ich setzte mich auf einen Stuhl und schloss die Augen. Kalter Schweiss floss auf meinem Gesicht. Nur nicht sprechen müssen. Die Drogen machten mich träge, aber endlich schaffte ich es, abzufliegen. Ich schwebte knapp unter der Decke, leicht und wohl. Der Raum war von wunderbaren Ornamenten erfüllt, die sich unaufhörlich mit der Musik und meinem Tanz entwickelten. Es war gut, ich genoss die Melodie und den glückseligen Nachklang der Begegnung mit Nathalie. Ich blieb da oben, bis die Bar schloss.

Et toi Nathalie, est-ce que tu est déja une vendeuse des crêpes?

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Eine Antwort zu Nathalie – leuchtende Begegnung

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