Dezemberabenddämmerung

Passende Musik:
Nick Drake – Pink Moon

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Ich bemerkte, dass sie schwieg, während sie sprach. Was verschweigst du mir, dachte ich, dein Schmerz härmt auch mich, aber es macht mich gleichfalls glücklich, ihn zu teilen. Ihren Augen sah ich an, dass ihr etwas weh tat, manchmal war sie mir schon nah genug, um ihnen so etwas ablesen zu können.
Sie war mit tropfenden Haaren und durchnässtem Mantel lautlos in mein Zimmer getreten. Ich hatte gelesen und legte das Buch sofort beiseite, als ich sie bemerkte. Scheu und nur von fern begrüssten wir uns, dann hockten wir am Boden herum und rauchten Zigaretten, später lehnten wir am Heizkörper unter dem Fenster. In den sonst sehr stillen Nachmittag hinein gab die Fabrik nebenan plötzlich ein Geräusch ab, das sich wie eine Maschinengewehrsalve anhörte. Wir zuckten zusammen, ungehörige Welt.
Draussen weht ein Herbststurm, sagte sie, auch der Regen ist nicht der eines Dezembers. Gestern waren wir über Wiesen mit matten Gänseblumen gewandert und ich erzählte ihr, dass ich am Fluss unten einen blühenden Strauch entdeckt hatte. Seine Blüten waren von einem dreckigen Weinrot, und man sah ihnen an, dass sie das Wetter ihres vermeintlichen Frühlings nicht ertrugen.
Es war mir klar, dass ich in ihrem Schweigen nicht bohren durfte. Unvermutet traf mich das Gefühl, dass meine stumme Gegenwart sie tröstete. Meine Nähe hatte sie sich gesucht, wie nur konnte das geschehen. Aber ich war nicht bestürzt, ich nahm sogar ein leises, friedliches Stückchen Glück in mir wahr, so weit also können wir kommen.
Unsere Unterhaltung führten wir leise, der Ton war nicht auf den Inhalt bezogen und erschien mir traurig, wir gaukelten uns keinen Mut vor. Als sie eine Platte auflegte, waren es die dunklen, einfachen Lieder eines Toten, rosaroter Mond, Gitarrenspiel. Es begann, Abend zu werden. Sie würde bald wieder gehen, klagte sie, ich komme überhaupt nicht zur Ruhe, es gibt so viel zu erledigen. Und wenn ich dann einmal daheim und für mich bin, kommt immer Besuch, alte Bekannte, doch ich sehe mich nicht in der Lage, auf sie einzugehen, sie berühren mich nicht, sie gehen mich nichts mehr an. Mit gesenktem Kopf blickte sie vor sich hin, ohne etwas anzuschauen, aber ihr Arm berührte ganz leicht den meinen. Nicht das war es, was ihr diese gedrückte Stimmung angetan hatte, sie hatte keine Angst vor sich selbst.
Später nahm sie ihren Mantel auf und hüllte sich wortlos ein, packte noch schüchtern-geschwind Kerzen aus, die sie bei mir vermisst hatte, und ich wunderte mich still. Ich habe keine Zigaretten mehr, ich begleite dich bis zur Beiz.
Draussen nieselte es ins Laub, es war kalt und schon beinahe dunkel. An der Strasse vorn verabschiedeten wir uns mit wenigen Worten und nur ich legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. Ich liess mir am Automaten die Zigaretten heraus und sah sie schon nicht mehr, als ich zurückging, doch die im Dämmerblau erleuchteten Fenster an den Häusern vermittelten ein wohliges Gefühl von Geborgenheit.

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