Meine Freundin Heather

BarMHertz_post__Freundin-Heather__pic01__DarkLostPassende Musik:
Röyksopp – What Else Is There?
Röyksopp – Keyboard Milk

 

Ich verabschiede mich von meinen Freunden und gehe los. Mein Fahrrad steht am anderen Ende der Stadt, das wird ein rechter Marsch werden. Es ist Nacht, mild, und ich schlendere an den Einfamilienhäusern mit ihren Vorgärten vorüber, während ich meinen Weg plane. Die Stadt ist mir fremd, aber ich bin zuversichtlich. Der Bahnhof im Zentrum soll meine erste Wegmarke sein.
Die Bebauung wird dichter, Leuchtreklamen blinken. Eine leise Unsicherheit beschleicht mich – wo genau steht mein Rad? Ich kann mich nicht mehr recht erinnern, wie es dort ausgesehen hat. Wie soll ich nur die richtige Strasse finden?
Zuerst mal der Bahnhof, dann sehe ich weiter. Nur ist der auch nicht da, wo ich ihn erwarte. Dafür komme ich an eine grosse Brache. Sie ist dunkel und matschig, vom anderen Ende leuchten ferne Lichter. Den Hang hinauf ziehen Menschen mit Fackeln und Lampen im Gänsemarsch. Auf meine Ansprache antworten sie mir nicht, doch ich schliesse mich ihnen an und stapfe mit durch den Dreck.
Oben angekommen habe ich tatsächlich den Bahnhof erreicht. Ich drücke mich in das Getümmel in den neonerleuchteten Unterführungen, vorbei an Ladengeschäften und Bistros. Es riecht nach Beton und Abfall, blecherne Ansagen hallen. Die Menschen drängeln blicklos aneinander vorbei.
Meine Verlorenheit ist etwas getröstet, wenigstens diesen Punkt habe ich erreicht. Zugleich ist mir klar, dass ich ab jetzt keine Ahnung mehr habe, wie es weiter gehen soll. Nicht einmal das Quartier, wo mein Velo steht, fällt mir mehr ein.
Ich suche mir einen Weg durch die Innenstadt. Nicht nur, dass ich keine Ahnung habe, wo mein Ziel ist, auch die Stadt wird immer irritierender. Ich habe das Gefühl, mich im Kreis zu bewegen, und finde doch keine zuvor passierte Stelle wieder. Verzweifelt versuche ich, wenigstens zurück zum Bahnhof zu finden.
Dann wende ich mich kurz um und hinter mir hat sich die Ansicht geändert. Ich bemerke,  wie Strassen und Fassaden sich fortlaufend verwandeln. Endlich verstehe ich, wieso ich solche Mühe habe, meine Richtung zu wahren. Und nun verbirgt sich auch das Umformen nicht mehr, ich bleibe stehen und schaue zu, wie Häuser sich umbauen, wie Strassen versinken und neue Gassen sich auftun. Meine Verzweiflung wächst, wie soll ich zu meinem Ziel kommen, wenn die Stadt sich dauernd wandelt – und was wollte ich dort überhaupt?

Ich kann mich auch nicht recht erinnern, wie meine Freundin aussieht, aber ich würde sie gerne wieder treffen. Statt weiter durch die morphenden Strassen zu irren, betrete ich ein Haus. Leise öffne ich die Tür, schleiche durch die Wohnung und den Hinterausgang wieder hinaus. Ich komme auf einen ländlichen Anger, der von einfachen, niedrigen Gebäuden umgeben ist. Kein Mensch hier, also weiter. Ich suche mir ein Haus mit einer grossen, gläserenen Schiebetür aus und dringe diskret ein. Ich ducke mich hinter Möbel und streiche den Wänden entlang, um von der Familie nicht bemerkt zu werden. Wieder draussen, stehe ich in einer grauen Gasse. Ich versuche es weiter so, schleiche durch fremde Wohnungen und Geschäftsräume, immer unbemerkt, und lande auf der anderen Seite auf leeren Strassen, kahlen Plätzen oder in leblosen Hintergärten. Jeder Durchgang führt mich an einen unerwarteten Ort, nie gehört die Vorder- zur Rückseite, es ist wie ein magisches Spiel. Meine Freundin ist immer noch weiter weg.
Das Umfeld wird nach und nach immer ländlicher, und nach einer letzten Passage finde ich mich ein ganzes Stück weg vom Dorf am Ufer des Flusses wieder und habe keine Ahnung, wo sie ist und wo ich bin. Ich habe kein Geld und kein Telefon, ich bin aufgeschmissen.

Ich bewege mich weiter, ohne Absicht, ohne Ahnung. Ich trete aus dem Wald und um mich ist weite, grüne Landschaft, Hügel, Wiesen und Äcker. Ich wandere Wegen entlang und frage mich, was mein Ziel ist. Ich durchwandere richtungslos, zeitlos, verloren dieses sonnendurchflutete, unbekannte Land. Manchmal passiere ich Weiler und Dörfer, selten begegne ich Menschen, die nie auf mich reagieren, sondern mit sich und ihren wirren Verrichtungen beschäftigt sind. Meine Verzweiflung, meine Einsamkeit nimmt immer weiter zu, die stumme Natur um mich schützt mich nicht.
Endlich komme ich zu dem Dorf, in dem ich mein Zuhause weiss. Hier ist nicht mein Ziel, aber es entspannt etwas. Dann das Wunderbare, meine Freundin kommt mir entgegen, es ist Heather! Sie ist sanft und warm zu mir, sie nimmt mich in ihre Arme und hält mich, drückt ihre Stirn an meine und flüstert zarte, beruhigende Worte in mein Ohr. Ach meine Heather, wie sehr liebe ich dich!

Heather Graham

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