Zlatka – Paradise flattern aber, und ich bin nirgends, Ruinen malend

Passende Musik:
The Alan Parsons Project – The Fall Of The House Of Usher

Zlatka traf ich zum ersten Mal auf einem Morgenspaziergang am Flussufer an. Sie stand da, an einen Baum gelehnt und schaute mir direkt in die Augen. Ihr Lächeln war scheu und unsicher, hatte aber auch eine herausfordernde Attitüde. Sie hatte es offensichtlich darauf angelegt, ertappt zu werden. Ich blieb stehen und liess mich von ihrem anmutigen Anblick in Bann ziehen.

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Sie beobachtete mich einen Moment lang, dann löste sie sich vom Baum und sprach mich an. Mit ihrer dunklen, klaren Stimme entbot sie mir einen altmodischen Gruss. Nachdem ich mich endlich wieder gesammelt hatte, grüsste ich zurück.
Sie stand verlegen vor mir und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Sie hatte sich mit grosser Eleganz bewegt, was für eine Nymphe an Land ungewöhnlich ist, ebenso wie der Schmuck, den sie um den Hals trug. Mir war ihr Geschmeide aufgefallen, und um etwas Konversation zu machen, sprach ich sie darauf an. Ich hatte Glück, sie war von meinem Lob angetan und ging gleich darauf ein.
Bald hatten wir ein reges Gespräch entwickelt und sie erzählte von ihrem Leben als Nymphe im Flussreich und ich von meinem als Zwerg in der Menschenstadt. Ich spürte, dass sie noch etwas auf dem Herzen hatte. Bisher hatte ich erfahren, dass sie die Tochter eines Wassermanns und einer Menschenfrau war. Ich hatte das für unmöglich gehalten, aber offenbar gab es doch rare Momente von Liebe zwischen Mensch und Naturwesen. Leider ist das mit der unsäglichen Sitte der Mütter verbunden, ein solches Balg am Ufer auszusetzen. Die Wasserleute nehmen es in der Regel auch nicht an, und so muss der Säugling jämmerlich sterben.
Zlatkas Vater nahm sie mit. Sie wuchs mit einer grossen Zahl von Halbgeschwistern im Fluss auf, aber die behandelten sie als das Mündel, die Missgeburt, den Fehltritt. Ihr Vater versuchte, sich liebevoll um sie zu kümmern und schenkte ihr Schmuck aus seinem Schatz, aber der Rest der Familie stiess sie aus und die Lebewesen im Fluss nahmen sie als Nymphe nicht ernst.
So war Zlatka in ihrem Herzen unglücklich und hatte einen Plan: Sie wollte unter die Menschen gehen. Deshalb ihre vielen Fragen zum Leben in der Stadt, zum Treiben der Leute.
Ich fand die Geschichte aufregend und bewunderte ihren Mut. Natürlich sagte ich ihr meine Hilfe zu. In den nächsten Tagen gab ich ihr am Flussufer Unterricht. Ich brachte ihr gekochte Nahrung und Wein, lehrte sie Kleider tragen und erzählte ihr von Allem, was ich selbst über die menschliche Kultur wusste.
Sie glühte, sie sprühte vor Vorfreude auf ihr Abenteuer. Von all meinem Reden hatte sie wohl nur gehört, was ihre Träume bestärkte. Ich wollte ihre natürliche Neugierde nicht dämpfen, ich wollte ihr einfach zur Seite stehen, wenn es denn schwierig würde.
Nach sieben Tagen war es so weit. Ich nahm Zlatka mit in die Stadt. Ich hatte eine Wohnung beschafft, in der ich sie nun einquartierte. In der nächsten Zeit sahen wir uns noch oft, sie kam immer mit einem ganzen Strauss von Fragen, die ich ausführlich beantworten musste. Aber sie war schlau, lernte schnell und hatte einen unbändigen Willen, sie wollte sich alleine durchschlagen. Mit der Zeit schlief unser Kontakt ein und ich verlor sie aus den Augen.

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Einige Jahre waren vergangen bis ich Zlatka wiedersah. Ich freute mich sehr, sie wohlauf zu sehen. Sie umarmte mich und wir verabredeten ein Treffen.

Wir hatten die ganze Nacht und den folgenden Tag auf ihrem Sofa verbracht, sitzend, liegend, redend und schweigend. Nun lag ich da, den Kopf in ihrem Schoss, und erklärte ihr meine neuesten existenziellen Überlegungen. Ich war zum Schluss gekommen, dass die Selbsttötung die einzig vernünftige Lebensentscheidung war. Ich liess die Erkenntnis sich setzen und spürte plötzlich, wie ihre Hand sanft über meine Haare und Stirn streichelte. Ich sah zu ihr auf und sie schaute mit ihrem so unendlich liebevoll umfassenden Blick zu mir herab. Ich realisierte, dass meine Hand unter ihrem Pullover verschwunden war und an ihrer Seite neben ihrer Brust ruhte. Das war ganz natürlich, ohne Absicht geschehen, und es fühlte sich wunderbar an. Ich gab mich eine Weile ihrem Kosen hin, dann fuhr ich fort. „Leben ist Leid, unentfliehbar, und Glück ist nur eine Schimäre, eine illusionäre Hoffnung. Es mag für einen Moment aufblitzen, doch nachher ist die Qual nur umso grösser. Es ist ein Hamsterrad, in das man mit falschen Versprechungen gelockt wird.“
Tod kam nicht in Frage, das war mir klar, ich verspürte ein flammendes Verlangen nach Leben, nach Ausdruck und Gestaltung. Ich lechzte nach Genuss, nach Sinneserfahrung, ich wollte anderes Leben erspüren. „Aber das Rad funktioniert. Wir sind so gebaut, dass wir es antreiben wollen. Die Falle klappt zu, keine Flucht möglich.“ Ich fühlte ihre warme Haut unter meiner Hand und spürte ihr Herz schlagen. Es pochte beruhigend. Ich genoss das kleine Glück, das mir diese Empfindung schenkte und gab mich ganz an ihr Streicheln hin. Sie schaute mich immer noch warm an.
„Ich möchte nur lieben können. Ich denke, wenn es einen Weg zum Glück gibt, dann besteht er darin, zu lieben, selbstlos zu hegen und besorgt zu sein.“
„Du wirst es schwer haben. Du brauchst ja jemanden, der deine Liebe annimmt. Das geschieht aber nicht, nicht wahr?“ Ich sah die Bestätigung in ihren Augen. Ich war so fremd wie sie unter Menschen und konnte ihre Erfahrungen ahnen.
„Die Menschen möchten nicht geliebt werden, sie wissen gar nicht, was es bedeutet. Sie möchten Zuneigung, Aufmerksamkeit, Bestätigung, sie möchten, dass man ihnen nicht im Weg steht, aber sie fürchten sich panisch vor Selbstaufgabe und Vereinigung.
Unter Menschen bist du zum Alleinsein verdammt.“ Ich umfasste ihre Hand, die auf meinem Bauch lag, schloss die Augen und schwafelte weiter. „Das Unglück auf dieser Welt ist so gigantisch, und ich habe das Gefühl, dass das Leid jedes Einzelnen mein Leid ist und mich am Glücklich sein hindert. Und ich sehe keinen Weg, dies zu ändern. Ich verstehe diese Gurus nicht, die von seliger Erleuchtung faseln, wie kann ihr Glück vollständig sein? Ich verstehe die Bodhisattvas, die sich aus Mitleid inkarnieren und mit den Menschen bleiben, auch wenn ich selbst bei der ersten Gelegenheit ins Nirwana entschwinden werde.“
Ich machte die Augen endlich wieder auf und schaute in ihr betörendes Gesicht. Eine Weile sahen wir uns an, dann zog es unsere Köpfe zusammen und wir küssten uns. Wir fassten uns enger und küssten uns weiter, es war ein langer, langer, langer Kuss.
Später lagen wir nackt auf ihrem Bett. Wir streichelten unsere Körper, untersuchten jeden Quadratzentimeter Haut, gaben uns den Zärtlichkeiten des Andern hin. Mit geschlossenen Augen schwebte ich körperlos und fühlte doch die sinnliche Sensation ihrer Berührungen, ihr sanftes Schmusen auf meiner Haut und ihre Schenkel an meinen Beinen. Irgendwann schliefen wir ein.

Den Nachmittag hatten wir draussen verbracht. Gegen Abend war ein warmer Sommerregen aufgekommen und Zlatka war aufgeblüht. Sie rannte wie ein Kind über die Wiese und genoss jeden Tropfen, der sie traf. Daheim dann lagen wir nass und nackt auf der Matte am Boden und drückten unsere Körper aneinander. Ich genoss das Kribbeln, als sie mit ihren feuchten Haaren meiner Wirbelsäule entlang strich.
So verbrachten wir diese Tage. Es war pure Sinneslust. Wir schliefen nie miteinander, wir schmusten und kosten, wir hielten und wärmten uns, wir gaben uns zärtlichste Berührung oder gaben uns dem Andern hin. Es war intensivste Körperlichkeit und liebevollste Sorge um den Anderen.
Und es gab ein so festes Vertrauen zwischen uns. Es war einfach da und wurde durch unsere Offenheit und die erfahrene Lust bestätigt.

Daheim, wenn wir uns von einander gelöst hatten und ich rasch meine Alltagsgeschäfte erledigte, empfand ich unsere Trennung, mir war kalt und dunkel zu Mute. Ich fühlte Sehnen und Schwärze in mir. Es war wieder, wie es vorher gewesen war. Ich, allein.
Diese zwei Gefühlswelten passten nicht zusammen. Etwas stimmte nicht. Warum fühlte ich mich gleich so verloren, obwohl ich bald zu ihr zurückkehren würde? Warum hielt die Verbindung nicht in mir an? Ich versuchte, mir Zlatkas Gesicht vorzustellen, aber es war schwieriger als früher. Oder wollte ich mehr? In Ihrer Nähe hatten meine Gedanken keine Schwere, ich konnte meine Verlorenheit beklagen und wusste mich in ihrem Verständnis geborgen. Hier dachte ich an sie und es war kalt und voll Zweifel.
Und eigentlich schwieg Zlatka. Sie hatte kaum etwas aus ihrer Zeit als Mensch erzählt, jedenfalls nichts konkretes. Ich wusste, dass sie verletzt worden war, dass sich ihre romantischen Hoffnungen nicht erfüllt hatten. Wenn wir zusammen waren, war das alles klar und es verband uns. Wir waren im Hier und Jetzt und einander so nah, wie es nur sein konnte, aber hier, herausgeschleudert aus der Vereinigung, erschien mir das als künstlich. Ich erinnerte mich wieder an mein altes Lebensgefühl und es kam mir mit seiner rasenden Verzweiflung und Verlorenheit wahrhaftiger vor.

„Zärtlich war er nicht“, soviel hatte ich Zlatka über ihre letzte Beziehung entlockt. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie Gewalt erfahren und es sie verstört hatte. Sie mied das Thema hartnäckig.
„Mir ist eine neue Überlebenstaktik in den Sinn gekommen. Sie besteht in kontrolliertem Selbstbetrug. Man tut so, als ob es Glück gäbe. Man fingiert spirituelle Suche. Es ist wie beim Atheisten, der sicherheitshalber die Gebote einhält. Man lässt dem Leben die Meinung, es habe gewonnen, lässt sich vom Schicksal verwirbeln. Im Innern behält man seinen Standpunkt und lässt sich nicht irre machen.“
Zlatka grinste. „Ich seh dich schon in der Kirche knien.“
„OK. Dann halt: man schläft, friert sich ein, bis das Ganze vorüber ist. Das verspricht wenigstens Ruhe und Frieden.“
„Wieso nur willst dich dauernd dem Leben entziehen? Ich spüre doch dein Verlangen und deine Lust. Ich habe dich beobachtet, als du vorhin am Ausblick sassest. Du hast Himmel, Land und die Krabbeltiere genossen, du hattest schöne Ideen mit der Sonne im Gesicht.“
Oh meine liebe Zlatka. „Natürlich habe ich das. Das ist nicht der Punkt, Leben ist wunderbar. Der Punkt ist, dass das Leid immer wieder zurück kommt. Der wesentliche Punkt ist, dass ich immer noch allein bin.“
Erst während des folgenden Schweigens wurde mir bewusst, was ich daher geschwafelt hatte. Zlatka sah mich intensiv an. „Ach komm, du weisst was ich meine, abgeschnitten vom Kosmos, vom richtigen, seligen Sein.“
Wir tranken unseren Tee. Nach einer Weile holte Zlatka mit einem tiefen Seufzer Luft. „Ich sehe nur Autisten um mich herum. Sie führen Scharaden auf, die mich verwirren. Ich möchte mich hingeben, aber sie spüren mich nicht oder schlagen wild um sich. Es schmerzt, auch wenn sie nicht treffen.“
„Genau. Wir sind in eine Hülle eingeschlagen. Es ist eine hauchdünne, unüberwindliche Kluft. Gierig nach Leben suchen wir Befreiung, Berührung. Ungeschickt und verständnislos. Wir sind einsame Spastiker, die Nähe simulieren.“
„Ich sehne mich nach dem Unverdachten. Nach dem Reinen, Formlosen, Selbstverständlichen. Nach der Freiheit, das Richtige zu tun. Wenn Einer Hunger hat und der Andere isst, warum teilen sie nicht? Wenn Einer dem Andern weh getan hat, warum entschuldigen und vergeben sie sich nicht? Man kann die Liebe doch nicht erdenken.“

Ich war müde, und nach unserem Gespräch kam ich mir fremd vor. Ich beschloss, diese Qual auszuleben und daheim zu schlafen.
Kaum aus der Tür, bereute ich die Entscheidung. Die Treppen stieg ich trotzdem hinab. Die Stiege war schlecht erleuchtet und niedrig und ich begann zu frieren.
Draussen herrschte Eiseskälte. Ich blieb stehen im Nichts. Nacht, Nebel, Nichts. Ich wollte nicht heim. Ich ging zum Fluss hinunter, dem Fluss, den Zlatka immer gemieden hatte. Am Ufer starrte ich in das unaufhörliche Strömen und das Glitzern des Mondlichts auf dem schwarzen Wasser.
Ich fror immer mehr. Endlich kehrte ich um.
Zlatka lag im Bett, als ich zurück geschlichen kam. Ich kroch gleich zu ihr. Sie umfing mich und wir pressten uns aneinander. Wir umschlangen uns enger, fester, bis die Arme weh taten. So war es nötig und gut.

Am Morgen sahen wir uns nicht an. Zlatka stahl sich hinaus und ich blieb noch lang auf ihrem Bett liegen. Ich verfolgte den Sonnenfleck, der auf der Wand entlang wanderte, ohne einen Gedanken. Ich war starr. Wir waren gescheitert.

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Copyright
Text – B.Ertl, August 2013
Fotos – MetArt – Cloud, Ageras (?)
Modell – Zlatka A

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