Fiebertraumtanz mit Brooke

Die letzten Stunden in der Bar waren anstrengend gewesen. Ich war müde und irgendwie beduselt, obwohl ich nichts getrunken hatte. Mir war schwummrig im Kopf, als ich die Treppe hinaufstieg und in meine Kammer trat.
Ich machte das Licht an und dachte daran, mir einen Tee zu machen. Sogleich war alles normal wie jeden Abend. Lärm, Rauch und Menschengedünste, der ganze Trubel waren wie abgefallen. Ich setze mich hin und genoss die Gemütlichkeit.

Es war eine Weile vergangen, mein Blick schweifte umher und ich bemerkte, dass auf dem Bett eine Frau lag. Plötzlich war dieses torkelnde Gefühl von vorher wieder da, intensiver, zerrend. Was war mit mir? Hatte mir ein Gast etwas untergejubelt? Oder war ich schon längst eingeduselt und am Träumen?
Ich fühlte eine Welle in mir aufsteigen, ich zitterte, es brauste in meinem Kopf. Als ich wieder hinüber blickte, schaute die Frau mich an. Sie machte keine Regung, sie lag nur auf meinem Bett und verharrte. Ihre schwarzen Augen sogen mich an und schleuderten mich gleichzeitig meilenweit weg. Mir wurde schwindlig von der zwingenden Energie dieser widersprüchlichen Bewegung, ich schwankte und verlor den Boden, aber das machte nichts, da ich nun schwebte.
Mir wurde klar, dass ich auf einem Trip oder in einem Alptraum festsass. Oder war es ihr Traum?

Als ich über ihr war, fing sie, liegend, einen fiebrigen Tanz an. Ich beobachtete ihren Körper, wie die Muskeln sich spannten und in spastischen Gesten entluden. Ihr Brustkorb wölbte sich zu ihren heftigen Atemzügen bis die Rippen sich durch drückten.

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Es war betörend und von bedrohlicher Kraft zugleich. Jede ihrer Zuckungen ergriff mich bedingungslos. Immer tiefer gebannt folgte ich ihrer Einladung, immer inniger nahm ich ihren Tanz in mich auf. Eine Woge intensiver Gefühle überrollte mich. Es war Verzweiflung, Verlorenheit, Ohnmacht und Wut, unbändige Stärke und völlige Zerrissenheit. Es nahm mir den Atem, mein Herz zerbarst, es war so verwandt und bekannt.

Mein Mitleid floss über, ich wollte sie berühren, sie umfangen und schützen, sie trösten und ihre Verletztheit mit meiner lindern. Stattdessen änderte sich die Szene. Wir flogen über eine Strasse ein und landeten. Es sah nach einem Ausgehviertel in einer amerikanischen Grossstadt aus. Lokal reihte sich an Lokal und Leute standen und flanierten. Aber es fühlte sich seltsam an. Ich kam mir wahr, offen und ganz lebendig vor, aber auch wie abgeschnitten von der Welt. Es war, als ob sich eine hauchdünne Haut um meinen Körper wand, die mich abschirmte. Das Licht war trotz der Neonröhren dunkel, die Geräusche dumpf und fern, ich spürte keinen Boden und keine Temperatur.

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Brooke war neben mir und und es war immer noch, als ob unsere Körper parallel geschaltet wären. Wir betraten ein mondänes Lokal. Eine Menge Menschen standen und sassen herum, bevölkerten die Tanzfläche. Wir gingen durch, winkten ein paar Hallos, stellten uns an den Rand und schauten den Tanzenden zu.

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Wir gaben uns ganz an die Stimmung hin. Die Musik und die rhythmischen Leiber lullten uns in Trance. Irgendwann zog es uns hinein in die Masse und wir fingen an mit zu tanzen. Wir schlossen die Augen und formten den Takt nach. Es war ein gutes Gefühl, die Musik durchfloss uns und unsere Bewegungen wurden weiter und genauer. Immer inniger verschmolzen unsere Körper, wir wurden eins, wir waren ein Wir. Und wir schwebten, flogen durch diese Wolke von Klängen, pulsierten mit den Tönen. Unser beider Fühlen verwob sich und formte die Ornamente der Melodie nach. Wir glühten, wir strahlten unsere Energie hinaus und liessen sie unseren Tanz erschaffen. Es war ein perfekter Tanz, unser Tanz, aus unserem Innersten geboren und vollendet präsentiert. Wir empfanden Euphorie und eine sanfte Ruhe aus dem Eins sein miteinander und der Musik, aus der Verbundenheit mit allem Leben im Raum.

Da öffneten wir unsere Augen und sahen, wie die Leute Abstand genommen hatten und uns entgeistert und angewidert anblickten. Sofort kam die Fremdheit und Ausgestossenheit, die ich auf der Strasse erlebt hatte, zurück. Der Ekel in den Gesichtern, die Ablehnung waren furchtbar. Unser Tanz stockte, wurde steif, fiel in sich zusammen. Die Scham war unaushaltbar, wir wollten uns verkriechen und unsichtbar machen, der Verwundung entziehen. Aber die Blicke blieben starr und zurückstossend.

Langsam, wie durch den Nebel einer Überblendung, kam ich in meine Kammer zurück. Unsere Körper wurden noch von den letzten Krämpfen unseres Tanzes durchzuckt, wir hatten noch Teil an unserer unendlichen Verzweiflung und Einsamkeit. Brooke schloss die Augen und rollte sich zu einem engen Knäuel zusammen auf die Seite, ich kehrte zum Boden und wieder in meinem Leib zurück. Total ausgepumpt döste ich ein.

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Später kam ich wieder zu mir. Brooke lag noch da und ich konnte sie betrachten. Ihr Körper strahlte nun Wärme ab und verbreitete einen feinen, geheimnisvoll attraktiven Duft. Die Härte, die er vorher vermittelt hatte, war weg und ich sah ihre eleganten Züge und Rundungen. Ich verspürte ein wahnsinniges Sehnen nach dem Einssein mit ihr. Da streckte sie sich und schlug die Augen auf.
Ihr dunkler Blick verschluckte mich gleich wieder. Sie nahm mich an, und ich riss mein Herz auf, um sie einzulassen. Und die Verwundung, die Verzweiflung und Verlassenheit brandeten zurück, kalt und schwarz. Die Schizophrenie der Gefühle war überwältigend. Nie zuvor hatte ich Verbundenheit so innig, Einsamkeit so intensiv erfahren.

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Ganz langsam, wie in Zeitlupe, wand sich ihr Körper zusammen. Dann entfaltete sie sich und es begann ein neuer Tanz. Ihre Bewegungen waren behutsam, ohne Hektik, gleichwohl spürte ich, wie alle Muskeln bis zum Zerreissen gespannt waren und die Formen sich aus einem stetigen Krampf entwickelten. Trotz seiner Gemessenheit war dieser Tanz heftiger als der Vorherige, in jeder Pose steckte geballte Wucht und Lebenskraft.

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Ich spürte auch, dass dies nicht ihr Tanz war, es geschah mit ihr genau so wie mit mir. Es war unser Tanz, und er entsprang unserer gemeinsamen Verlorenheit.
Ich gab mich hin. Ich bewunderte die Präzision ihrer Bewegungen, während mein Körper sie bildete aus den Qualen unserer Seelen.

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Dann trat Ruhe ein. Unsere Verbundenheit war fantastisch, unser Denken liess uns wachsen und unser Fühlen potenzierte sich. Es war Wahn, wie sich das Verlangen nach Leben, nach Ausdruck und Austausch, mit dem Erleben von Verlassen- und Verlorensein verwob.

Brooks Leib formte dies leise, mit subtilen Gesten aus, dabei ruhten ihre Augen auf mir, sanft und neugierig. Mit einer aprupten Handbewegung schloss sie den Tanz ab. Wir versanken endgültig ineinander.

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Ich war überrascht, dass man mich zu diesem Bankett eingeladen hatte. Ich hatte nur eine untergeordnete Auszeichnung erhalten, und dies war die grosse Preisverleihung. Mir war auch nicht wohl dabei, allein an so einen Anlass zu gehen. Immerhin sah ich ein paar bekannte Gesichter, als ich zu meinem Platz geleitet wurde. Und an meinem Tisch sass ein guter Kollege.
Es war wie erwartet ein Puppenhaus. Ein Teil des Saales war hell erleuchtet und der Prominenz vorbehalten, während wir unwichtigen Leute im Halbdunkel platziert waren. Ich versuchte, der Konversation am Tisch zu folgen, merkte aber bald, dass sie unendlich öde war. Am Schlimmsten war eine gealterte Diva, deren adligen Namen ich noch nie gehört hatte, die Geschichten aus ihrem glamourösen Leben feilbot oder abwechslungsweise über alle Anwesenden lästerte, mit Ausnahme ihres jeweiligen Zuhörers.
Nach dem Essen lockerte sich die Runde etwas auf und ich konnte einen Platz neben meinem Freund ergattern. Wir plauderten über unsere Arbeit und tauschten Klatsch aus. Wohl fühlte ich mich immer noch nicht. Es war eine andere Welt, die mich als Ausgestossene behandelte und der ich eigentlich auch gar nicht angehören wollte. Ich verspürte das Bedürfnis, der Fremdheit zu entfliehen und mit vertrauten Menschen zu sein. Ich sprach mit meinem Freund darüber und er war einverstanden, darauf informierte ich meine Bekannten, die verstreut im Saal sassen.
Dann änderte ich die Szene.
Wir hatten nun einen Tisch in einem Strassencafe. Wir sassen unter einer Pergola, assen und tranken weiter und bildeten eine angeregte Runde von Freunden und Bekannten.
Doch nach und nach kroch das Gefühl des Draussenseins wieder hervor. Die Gespräche gingen an mir vorbei, und wenn ich etwas einwarf, kam Unverständnis oder gar keine Reaktion zurück. Ich empfand die Ausgrenzung viel stärker als vorher, dies waren Menschen, die ich mochte und denen ich mich nah gefühlt hatte. Ich war unwichtig und unsichtbar geworden. Als ich aufstand ging die Unterhaltung unvermindert weiter. Ich verliess den Tisch und ging weg.

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Ich kam wieder zu mir, am Bett lehnend. Brooke lag da, ihr Kopf ruhte gleich neben meinem und ich hörte sie atmen. Ich spürte, wie sich auch bei ihr die Verkrampfung aus dem Tanz löste. Zuletzt hatte es sich angefühlt, als ob eine Hand unser Herz in der Brust zerdrückte.

Sie schaute mich an und gleich kam der Sturm von Empfindungen zurück. Ich versank in ihr und sie in mir. Es waren ihre Gefühle, es waren meine Gefühle. Es war unser starker Wille gewesen, den Traum zu ändern. Waren wir auch ein weiteres Mal gescheitert, angenommen zu werden, neben der auszehrenden Not der Einsamkeit und Ohnmacht glühte diese selige Verbundenheit. In ihre Augen zu blicken und diese euphorische Transzendenz zu erleben war überwältigend.

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Unsere Köpfe lagen fast aneinander und ich spürte ihren Herzschlag. Ganz langsam zog sich ihr Körper wieder zusammen und ich schlief ein.

Ich erwachte, als es hell war. Ich war allein und fühlte mich gerädert. Ich lag am Boden, das Bett war nicht abgedeckt, aber zerwühlt. Es roch fremd, es roch nach diesem feinen Duft, den ich in der Nacht an Brooke wahrgenommen hatte. In mir herrschte klare Kälte. Die Verzweiflung, die Verlorenheit, alle Gefühle aus dieser Nacht waren präsent. Ich empfand die Einsamkeit unerträglich, ich sehnte mich nach Brooke, nach dem Einssein, unserem Wir. Wir hatten die ganze Nacht kein Wort gewechselt, aber nie war ich einem Menschen auch nur annähernd so nah wie ihr gewesen, ich war sie gewesen.
Während ich über die Nacht nachdachte, darüber, wessen Alptraum das wohl gewesen war, versuchte ich mir Brookes Anblick einzuprägen. Ich hatte Mühe, mich an ihre Tänze zu erinnern, aber ich spürte noch jeden Muskel und die Linien, die die Bewegungen gezeichnet hatten. Hatte ich wirklich einen Traum gemeinsam mit einem anderen Menschen geträumt? Ich weiss nicht, ob sie existiert, aber ich weiss, wie Brooke riecht und wie sie fühlt.

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Copyright
Text – M.Hertz, August 2013
Fotos – Mikey McMichaels, November 2011
Modell – Brooke Lynne

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