Besuch von Alan Watts

Als ich vor zwei Wochen die Bar schloss und noch etwas aufräumen wollte, forderte mich M.Hertz auf, nur schnell das Allernötigste zu erledigen. „Ich brauche die Bar für mich“, meinte er. Auf meine Fragen gab er nur ausweichend Antwort, murmelte etwas von Beschwörung, Ritual, Experiment. Ich wischte den gröbsten Dreck weg und zog mich zurück.
Am nächsten Tag fiel mir nichts Besonderes auf, nur ein strenger Geruch hing im Raum. M.Hertz hatte sogar geputzt, so dass ich nicht viel vorzubereiten hatte. Er tauchte bald auf, noch bevor ich geöffnet hatte. Er schien nervös und angespannt, strich um mich herum und inspizierte jeden Winkel der Bar. Was er getrieben hatte wollte er mir immer noch nicht sagen, grinste mich nur an.
Der Abend kam und mit ihm die ersten Gäste. Ich war ganz froh, mich durch das alltägliche Treiben von seiner Anspannung ablenken zu lassen. M.Hertz wurde je länger desto kribbeliger. Er war dauernd auf den Beinen und irritierte unsere Gäste, indem er unter deren Tische kroch, Stühle verschob oder Taschen und Mäntel umschichtete. Einen Gast schickte er wieder hinaus, andere mussten den Platz wechseln. Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Mit seiner Nervosität hatte er mich schon längst angesteckt, langsam aber wurde ich beunruhigt.

Der Abend war schon fortgeschritten, als es plötzlich dunkler wurde in der Bar. M.Hertz sprang in die Höhe und klatschte in die Hände. Er hüpfte von einem Bein aufs andere, während das Licht immer weiter gedimmt und die Musik leiser wurde.
Dann erschien auf der Wand hinter der Bühne ein Gesicht, als ob es dorthin projiziert würde, plastisch wie ein Hologramm. Es schaute sich um, dann verzog sich sein Mund zu einem breiten Lachen. Es war eine klare, angenehme Stimme, die in ein herzhaftes Gelächter verfiel. M.Hertz strahlte und stocherte mit dem Finger Richtung Bühne, um unsere Aufmerksamkeit dahin zu lenken. Unnötigerweise, unsere Gäste waren schon verstummt, als das Licht ausging, nun starrten alle auf das Geschehen. Das Lachen klang ab und das Gesicht begann mit einem Vortrag, der rasch alle in Bann zog.
Nach einer Stunde war der Spuk vorbei, das Gesicht verschwand, Licht und Musik gingen wieder an. Ich lehnte an der Bar und beobachtete, wie auch die Gäste wieder zu sich kamen und sich überall Gespräche über den Vorfall entwickelten. M.Hertz lächelte entspannt. Er hatte die ganze Zeit in seiner Lieblingsecke gesessen und war den Worten konzentriert gefolgt. Ich brachte ihm eine Tasse Tee und er meinte triumphierend: „Na?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Der Vortrag war interessant gewesen und beschäftigte mich, aber eigentlich wollte ich vor allem wissen, wie er das bewerkstelligt hatte.
Ich würde es nicht erfahren. Aber an den folgenden Abenden erschien dieses Gesicht wieder an der Wand, begrüsste uns und setzte seinen Vortrag fort. Erst nach zwölf Tagen hörten die Erscheinungen wieder auf.
M.Hertz war natürlich an jedem Abend zugegen und lauschte von seinem Platz aus. Er schien glücklich. Immer wieder fragte er mich und die Gäste, ob wir auch genau zuhörten und diskutierte die besprochenen Themen mit uns.

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Alan Watts – Out of Your Mind Series – 1-11
Alan Watts – Out of Your Mind Series – 12
M.Hertz wünscht sich sehr, dass auch Sie, lieber Gast, sich die Zeit nehmen, um den Worten zu folgen und sich anregen zu lassen.

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