Kein Schöpfungsmythos

Gestern spät, als zur letzten Runde ausgerufen wurde, fiel mir ein beduselter Mann auf, der an der Theke hing und mit geschlossenen Augen über seinem fast leeren Glas scheinbar weggeschlummert war. Er murmelte aber vor sich hin, und mit der Zeit konnte ich die folgende Geschichte heraushören:

Es war. Es war das Eine, das Allumfassende, das einzig Wahre. Es war das Unendliche und das Ewige. Es war das Leben, es war das All-Eine-Wesen.
Während das AllEineWesen ziellos und dösig über dem Nichts dümpelte, grenzenlose Leere verspürend, war ihm langweilig. Es begann vor sich hin zu brüten.
Wie konnte es ein Nichts geben, das ausser Ihm war – Es war doch das Eine, das Allumfassende Leben, ausser dem es nichts gab. Was war denn dieses Nichts überhaupt? Wenn es etwas war, konnte es nicht sein, den dann hätte es Teil von Seinem AllEinenWesen sein müssen. War es Nichts, wie konnte Es dann darüber nachdenken, und was war ein Gedanke?
Dieses müssige Grübeln führte beim AllEinenWesen zu Unzufriedenheit und Verärgerung. Genervt über sich selbst gab Es sich wieder dem reinen, klaren Sein hin.
Über kurz oder lang fing das Sinnieren aber wieder an. Das AllEineWesen wurde gewahr, wie Es sein eigenes Sein empfand, es spürte und gestaltete. Das brachte auch die Gedanken über das Nichts und das Denken wieder hoch, führte zu weiteren Ideen und Beziehungen und schlussendlich zu äusserst tiefsinnigen und hoch mathematischen Überlegungen.

BarMHertz_post__Kein_Schoepfungsmythos__pic1_Pentachoron

Das Brüten wuchs zu einem fiebrigen Taumel heran, der das AllEineWesen ergriff und vorwärts trieb. Das Eine führte zum Andern, zum Nächsten, zu Diesem und Jenem, und jedes mal entstanden neue Bezüge und neue Ableger, das All wurde immer mehr. Die unerschöpfliche Vielfalt des Unendlichen in sich zu wissen, liess das AllEineWesen in einen erschöpften Schlummer fallen.
Zuerst empfand Es die dunkle, temperaturlose Leere als angenehm und behütend, das pure Sein, aber die Bewegung hatte nicht aufgehört. Eine innere Unruhe, ein Sog zerrte an Ihm. Es hatte den Eindruck, dass da und dort Lichter aufschienen, Es vermeinte, Stimmen und Geräusche zu hören.
Plötzlich wurde die Bewegung schneller und heftiger, das Leuchten wurde zu grellem Blitzen, der Lärm schwoll zu Getöse an. Immer wilder wurde der Taumel, immer gewaltiger prasselten die Eindrücke auf Es hinein, das AllEineWesen drehte sich um sich und um Alles.
Mit einem unendlich lauten Knall und einem unerträglich heissen Blitz kam die rasante Bewegung zur Ruhe. Der Alptraum wandelte sich vom Inferno zu einer harmonischen Idylle. Vor Ihm entfaltete sich ein Reigen von vollendeter Eleganz und unfassbar schönem Gesang. Das AllEineWesen sah beglückt auf den Kosmos vor sich.

Es kam wieder zu sich und war erschöpft. Es fühlte sich wohl und vollständig, aber auch matt und ausgelaugt. Zum Schlafen war Ihm nicht zu Mute, dazu war Es noch zu angeregt. Es beschloss, sich als Mensch zu inkarnieren und sich einen Drink zur Nacht zu genehmigen. Nun sass Es in dieser Bar, war beduselt und beinahe eingeschlummert, aber immer noch in Feierlaune. „Nochmals das Gleiche, bitte“, rief Es mit schwerer Zunge.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bar, Text abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Kein Schöpfungsmythos

  1. Pingback: Mehr über Gottheiten | Bar M.Hertz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s